Samstag, 21. Mai 2016
Suchi und Nitesh hatten im März 2015 geheiratet, und weil Suchi, meine indische Kollegin, mich nicht zur indischen Hochzeit eingeladen hatte, spielte ich ein Jahr lang den Empörten. Als Entschädigung lud sie mich daher zur im Mai geplanten Hochzeit ihres Bruders ein, und da der Oman auf dem Weg liegt und man im Freundeskreis so davon geschwärmt hatte, wurden vier Tage mitgebucht.
Meine Reise begann am Freitagabend nach der Arbeit mit einem Emirates-Airbus A380-800. Insgesamt sollten es acht Flüge auf dieser Reise werden. Nach sechs Stunden Flug, kaum Schlaf und drei Stunden Aufenthalt in Dubai landete ich morgens in Maskat. Während des Fluges nach Maskat saß ein junger Unfallchirurg aus dem Westirak neben mir, dessen Gemeinde nach seiner Ausbildung durch den verbrecherischen „Islamischen Staat“ überrannt worden war. Er hatte deshalb Zuflucht und Arbeit in Sohar im Nordoman gefunden. Dass man im Westen vergleichsweise wenig über den Oman erfährt, kommentierte er damit, im arabischen Raum werde Oman höchstens im Wetterbericht erwähnt. Nach der Landung gestand er seine Flugangst; meine Witzeleien zuvor über geplatzte Triebwerke und abgerissene Seitenleitwerke waren also unangebracht. Beim Ausstieg auf das Flugfeld pfiff uns glühend heiße Luft um die Ohren, vergleichbar mit dem Moment, wenn man einen heißen Umluftbackofen öffnet.
Nach Abholung eines Leihwagens von Europcar, einem geräumigen Nissan Sentra, wollte ich eigentlich die Große Sultan-Qabus-Moschee besuchen, verwechselte aber ein anderes pompöses Gotteshaus damit. Der Eintritt zu dieser Moschee wurde um elf Uhr wegen der Gebetsvorbereitungen bereits verwehrt.

Im östlichen Maskat befindet sich mit dem Mutrah Souk ein orientalischer Markt, der in jedem Reiseführer erwähnt sein dürfte. Die meisten Waren dürften Ramsch aus Fernost gewesen sein. Wegen der großen Hitze ließ ich mir durch einen verkaufstüchtigen Verkäufer ein Kopftuch aufbinden, und zwar im wörtlichen Sinne. Es sollte sich die nächsten Stunden und Tage als nützlich erweisen. Am Ausgang des Marktes ertönte über einen Lautsprecher der Ausruf des Muezzins mit ohrenbetäubendem Lärm.
Tagesziel war die Stadt Sur rund 200 km südöstlich von Maskat. Sie war erheblich schwieriger zu finden, als ich bei der Planung angenommen hatte. Statt zwei war ich fast sieben Stunden unterwegs. Die Sonne stand im Zenit und bot keine Orientierungshilfe, und die schroffen Berge versperrten jegliche Sicht auf das Meer. Das Thermometer bewegte sich nur knapp unterhalb 50°C, als ich zwischen Yiti und As Sifah hin und her irrte. Als ich das Meer endlich erreicht hatte, führte mich die Straße bis in ein verlassenes Fischerdorf, an dessen Ende jedoch eine gewaltige Steilwand die Weiterfahrt versperrte.

Zurück in Maskat, zeichnete mir ein hilfsbereiter indischer Tankwart den Weg nach Sur auf meine Quittung, also an vier Ampelkreuzungen geradeaus und dann nach links. In Sur wartete ich auf das charmante deutsche Ingenieurspärchen, das mir durch Freunde vermittelt wurde. Beide arbeiteten für die Strabag an einem Staudamm in der Nähe. Als Gastgeschenk in das muslimische Land wünschten sie sich Schinken, Schnaps und Zeitschriften. Nachdem wir Indisch essen waren und arabischen Kaffee getrunken hatten, war der Tag auch schon vorbei.
Sonntag, 22. Mai 2016
Kurz nach fünf Uhr morgens warf ich einen Blick auf das Thermometer, das 35°C anzeigte. Gegen halb acht Uhr brach ich zum Wadi Shab auf, einem Flussbett inmitten einer großen Schlucht rund 25 Kilometer nördlich von Sur. Es war noch nicht einmal acht Uhr, aber die Hitze war bereits schwer erträglich. Um den Weg am Wadi entlang hinaufwandern zu können, muss man zunächst den Fluss überqueren, aber es war noch kein Bootsmann zu sehen. Während ich wartete, leisteten mir einige scheue Ziegen Gesellschaft sowie ein wie aus dem Nichts aufgetauchter rotgebrannter Finne, der spontan ins Wadi wandern wollte, wegen der Hitze aber davon absah. Nach einer halben Stunde tauchte ein junger Omani auf, der mich ans andere Ufer brachte und sich derweil an seinem Deutsch versuchte. Dort brüllte mich ein Esel an. Eine Warnung?
Mein kleines Wasserfläschchen war nach 100 Metern bereits geleert, beide Fersen nach 200 Metern aufgerissen und nach 400 Metern bemerkte ich schließlich erste Anzeichen von Austrocknung. Man schwitzt stark, durch die trockene Hitze verdampft der Schweiß jedoch sofort, so dass man in kurzer Zeit viel Flüssigkeit verliert. Nach einer Dreiviertelstunde musste ich im Steilgelände aufgeben und umkehren, denn meinen Point of no Return glaubte ich nur noch wenige Schritte entfernt.
Zurück am Eingang des Wadis sah ich gerade den Bootsmann anlegen, weil ein alter Fischer auf ihn wartete. Während ich lilablau angelaufen und keuchend in der Bootsmitte saß, erheiterten sich die beiden über diesen Anblick, was sich auch ohne Arabischkenntnisse erahnen ließ. Zurück in der Ingenieursvilla ruhte mich für eine Stunde aus.


Gegen Mittag machte ich mich auf den Weg nach Al Wasil am Rande der Wüste, wo ich auf darauf wartete, ins „Nomadic Desert Camp“ abgeholt zu werden. Da ich deutlich zu früh eintraf, vertrieb ich mir die Zeit vor einem rustikalen Café mit Eistee und plauderte mit dem Inhaber und seinem Nachbarn, der ebenfalls aus Bangladesch stammte und eine kleine Werkstatt betrieb. Seine Haupttätigkeit bestand darin, Autoreifen aufzupumpen oder Luft herauszulassen, da sich prallgefüllte Reifen nicht für die Wüste eignen. Europa erschien ihm unerreichbar und wie eine geradezu unvorstellbar wohlhabende Fantasiewelt. In Bangladesch lebten zu viele Menschen mit unzureichenden Chancen, erklärte er mir.
Das Wüstencamp ist ein seit 1993 bestehender Familienbetrieb und angeblich das erste Camp seiner Art, das damals ohne Internet nur Kennern ein Begriff gewesen war. Anfangs noch völlig rudimentär, gibt es heute sogar Duschen und Toiletten. Nachdem ich einem der Brüder aus der zweiten Generation zum Parkplatz hinterhergefahren war, stiegen wir in einen Geländewagen um und wurden durch einen weiteren Bruder, Rashid, zum Camp rund 20 km in die Wüste gefahren. Die Wüste war wegen heftiger Niederschläge im März ergrünt, was laut Rashid nur sehr selten vorkommt, aber „the camels love it!“ Außer uns bestand die kleine Gruppe aus dem Pärchen James und Tannia, er ein junger australischer Pilot, sie eine indonesische Stewardess, beide bei Cathay Pacific angestellt. Hätten sie nicht spontan einen Tag vorher gebucht, wäre ich der einzige Gast im Camp gewesen, aber ich war froh darüber, dass es anders gekommen war und ich mit jemandem sprechen konnte.
Jeder Gast bekommt seine eigene Hütte, allerdings mit den Betten davor gestellt, weil man bei Hitze draußen besser schläft. Rechtzeitig zum Sonnenuntergang fuhren wir vier aus dem Camp heraus auf eine Düne, wo Rashid uns Datteln und omanischen Kaffee mit Kardamom- und Nelkengeschmack reichte. Als die Sonne unterging, zog er sich für einige Minuten zurück zum Gebet. Dieser Abend mit Lagerfeuer in der Wüste, der gefühlten Unendlichkeit um uns herum und dem Vollmond über uns, der alles in Silber tauchte, gehört zu meinen schönsten Erinnerungen.

Nach dem Abendessen saßen wir noch für eine Weile zusammen zwischen den Strohhütten und Rashid erzählte uns von seiner ersten Auslandsreise Anfang der Neunziger in die Schweiz und nach Oberbayern. Man merkte ihm seinen häufigen Austausch mit ausländischen Gästen und seine Weltoffenheit und Neugier an, zudem versinnbildlicht er die berühmte orientalische Gastfreundschaft.
Im Bett fegte mir der Wind um die Ohren, so dass ich nicht einschlafen konnte. Aus diesem Grund trug ich die Matratze in die Strohhütte, aber darin war es viel zu heiß, also brachte ich sie wieder heraus und zog das ganze Bett durch den Sand in den Windschatten seitlich der Hütte, wobei es mir auseinander brach. Nachdem ich es mühsam dank Handy-Beleuchtung wieder instandgesetzt hatte, fiel ich müde ins Bett und schlief ein.

Montag, 23. Mai 2016
Am folgenden Morgen war das Bett durch Tauwasser durchfeuchtet und an meinen Badeschlappen fanden sich Spuren von Skorpionen und einer kleinen Schlange. Rashid hatte uns vorgewarnt, man solle nachts Schuhe anziehen, sobald man das Bett verlässt.
Nach dem Frühstück stand ein halbstündiger Kamelritt auf dem Programm, zu dem uns Rashids Vater führte. Genau genommen handelte es sich um einhöckrige Dromedare, denn die zweihöckrigen Trampeltiere kommen im Oman nicht vor. Unsere Kamele wurden in eine Reihe gespannt mit Tannias Kamel hinten, James' in der Mitte und meinem vorne. James' Kamel kratzte sich hin und wieder seine Schnauze am Bauch meines Kamels und stieß manchmal auf, was wie ein verstopfter alter Abfluss klang und James zu der Bemerkung veranlasste, sein Kamel sei defekt. Wie groß die Tiere sind, wie hoch man sitzt und wie stark es beim Ritt schaukelt, war eine unerwartete Überraschung.

Während unserer Rückfahrt aus der Wüste heraus beobachteten wir einige grasfressende Kamele, was Rashid dazu brachte, „enjoy your breakfast!“ aus dem Auto zu rufen. Der Ausgang der Wüste wirkt künstlich, als ob jemand eine gewaltige Menge Sand auf den Steinboden gekippt hätte. Die Wüste hat sich in den letzten Jahren nicht weiter ins Landesinnere verschoben. Beim Verabschieden tauschten wir noch unsere Handynummern aus, da Tannia und James nicht nur an demselben Tag wie ich angereist waren und auch abreisen wollten, sondern auch eine nahezu identische Reiseroute geplant hatten.

Mein Tagesprogramm bestand aus der Autofahrt zum „Old Misfah House“, das sich am Rande des alten Dorfes Misfat Al Abryeen nördlich im Gebirge befindet. Unterwegs fuhr ich durch allerlei abenteuerliche Landschaften und erfreute mich am guten Radioempfang, wobei mir die Musik viel zu oft durch Predigten unterbrochen wurde. Auf einem Kultursender liefen sogar Hörspiele über Robert Schumann und Albert Einstein. Am meisten freute ich mich aber über das einwandfrei funktionierende Offline-Navigationssystem, das ich mir zwei Abende zuvor auf mein Handy heruntergeladen hatte.
In Nizwa verließ ich die Autobahn für einen Imbiss aus Hühnchenschenkeln und Reis. Etwas später verspürte ich einen kräftigen Schlag, durch den mir der Innenspiegel auf den Beifahrersitz fiel. Wer sollte auch mit einer Bremsschwelle hinter einer Kurve rechnen, in der keine Geschwindigkeitsbegrenzung bestand?
Am späten Nachmittag erreichte ich das Bergdorf Misfat Al Abryeen, wo ich eine Weile an Wasserkanälen entlangspazierte, ehe ich im „Old Misfah House“ einkehrte. Ein kleines Kätzchen schlenderte mir für längere Zeit hinterher, wohl in der Hoffnung auf Futter oder böswillig darauf, mir beim Sterben zusehen zu können, falls ich erneut austrocken sollte. Den restlichen Tag verbrachte ich in der Ferienwohnung oder auf der Dachterrasse mit Georg Forsters Bericht über James Cooks zweite Weltumseglung, der sich als passende Reiseliteratur in meinem Gepäck fand. Das Abendessen bestand aus schmackhaftem Hummus und Fladenbrot.

Dienstag, 24. Mai 2016
Beim Frühstück war ich der einzige Gast. Wenige Monate später sollte Prinz Charles während seiner Reise durch die arabische Halbinsel an demselben Tisch auf dieser Terrasse sitzen, wie ich zufällig in den Nachrichten sah. Das Tagesziel war der rund 3000 Meter hohe Dschabal Schams, den eine eindrucksvolle Schluchtenlandschaft umgibt. Während mich mein treuer Nissan-Leihwagen die Gebirgsstraßen immer weiter hinauf beförderte, wurden die Straßen enger und steiler und die Schlaglöcher immer tiefer. Irgendwann polterte und knirschte es derart laut, dass ich bei rund 2500 Meter Höhe das Vorhaben aufgab und umkehrte. Autos waren mir schon lange keine mehr entgegengekommen und ich wollte meine Weiterreise nach Indien am Folgetag nicht gefährden.

Der Rückweg führte mich zur gewaltigen Festung von Bahla aus dem 18. Jahrhundert. Sie wurde in den letzten Jahren in traditioneller Handwerksart behutsam saniert und trägt einen Welterbetitel der UNESCO. Außer mir waren keine weiteren Gäste zu sehen außer ein paar Fledermäusen. Wie zuvor brannte auch an jenem Tag die Sonne erbarmungslos auf den Wüstenstaat nieder. Laut der Einheimischen wurde der Oman gerade von einer außergewöhnlichen Hitzewelle getroffen, so dass es Ende Mai so heiß war wie sonst in einem heißen August. Abgesehen von Tassia und James begegnete ich im Oman überhaupt keinen Touristen.


Nun war es an der Zeit, nach Maskat zurückzukehren. Dort nahm ich in der Stadt noch eine Kleinigkeit zu mir und brachte dann den Leihwagen zurück zum Flughafen. Eines der notwendigen Rückgabeformulare hatte ich nicht gelesen, weil es mir wie Werbung erschien, darum beließ ich es im Auto. Da die Angestellte von Europcar wenig Lust verspürte, über den glühend heißen Parkplatz zum Auto zu gehen und das Stück Papier zu holen, zog sie zwei große handgezogene Klammern um mögliche Schäden und versah sie mit einem „OK“. Angesichts des Vorfalls mit der Bremsschwelle war dies auch gut so.
Im Hotel nahe dem Flughafen, zu dem mich ein Taxifahrer aus Bangladesch fuhr, der mir von seinen vielen Kindern fern in der Heimat erzählte, wusch ich meine Sachen, legte sie zum Trocknen vor das Fenster und legte mich früh ins Bett.
Mittwoch, 25. Mai 2016
Meine letzten omanischen Rial gab ich am Flughafen für einen großen Kakao und eine arg kitschige, kleine, goldene Schüssel aus, die ich mir in meinen Flur als Schlüsselbehälter stellen wollte. An der Sicherheitskontrolle versah ein junger omanischer Sicherheitsangestellter seinen Dienst, der ein so großer Bewunderer deutscher Autos war und lautstark von einem Mercedes E 63 AMG S schwärmte, dass er kurzum meine Tasche an der Schleuse vorbei warf und mich nicht weiter überprüfte.
Mit Oman Air landete ich pünktlich in Dubai und stieg in eine Boeing 777-300ER der Emirates um, die mich nach Delhi beförderte, also vom Nahen in den Mittleren Osten. Dort wartete ich lange Zeit am Gepäckband, da mein Koffer als letztes auf dem Band erschien. Es war bereits spät am Abend, als mich der Chauffeur des Hotels Holiday Inn New Delhi International Airport abholte. Da ich aus dem Oman angereist war und durstig sein müsste, händigte man mir am Empfang zahlreiche Cocktail-Gutscheine aus, die ich glücklich in der Bar einlöste.
Donnerstag, 26. Mai 2016
Nach einem ausgiebigen Frühstück flog ich mit einem Airbus A320-200 der Air India weiter nach Bhubaneswar an der Ostküste. Dort setzte ich mich an der Gepäckausgabe gerade auf eine Sitzbank, als mein Koffer bereits als erstes Gepäckstück auf dem Band eintraf. Bhubaneswar ist die Hauptstadt des indischen Landes Odisha, das rund 40 Millionen Menschen bewohnen bei einer etwas geringeren Siedlungsdichte als in Deutschland.
Von Bhubaneswar beträgt die Entfernung zur Küstenstadt Puri etwa 60 Kilometer. Nachdem ich am Geldautomaten indische Rupien abgehoben hatte, ließ ich mich von einem Chauffeur in seinem alten Tata nach Puri bringen. Auf dieser abenteuerlichen Fahrt kamen uns auf der Schnellstraße Geisterfahrer entgegen, am Straßenrand lagen zerfetzte Kühe und wir rasten mit einer solch hohen Geschwindigkeit haarscharf an Alten und Kindern in den Dörfern vorbei, dass ich vor Angst und Verzweiflung die Augen verschloss.
Im Hotel angekommen, dem Puri Holiday Resort, dauerte es trotz meiner mitgeführten Buchungsbestätigung eine ganze Weile, bis man mir endlich mein Zimmer zuwies. Mit einer Autorikscha, in Indien kurz „Auto!“ genannt, ließ ich mich zum Anwesen von Suchis Familie bringen. Der Fahrer konnte mit der Adresse nichts anfangen, so dass wir kreuz und quer durch die Stadt irrten. Er gab sich jedoch sichtlich Mühe und fragte immer wieder Passanten nach dem Weg. Irgendwann erkannte Suchi mich aus ihrer Einfahrt heraus und rief dem Fahrer zu, er solle anhalten. Noch vor der Begrüßung murmelte sie, wie verschwitzt ich sei. Es war tatsächlich unerträglich heiß, stickig und schwül und um ein Vielfaches unangenehmer als im Oman, wo die Luft wenigstens trocken ist.
Im Anwesen ihrer Familie hieß man mich herzlich willkommen und ich hatte meine liebe Mühe, mir die vielen Namen zu merken. Für die zahlreichen Kinder war ich unter Gekicher fortan nur noch „Robot“. Mit einem in den USA lebenden Professor der Elektrotechnik kam ich schnell ins Gespräch. Er sollte die kommenden Tage nur selten von meiner Seite weichen und immer ein Auge auf mich haben, ob ich genug trinke und mich auch sonst gesund fühle. Da das heutige Indien nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Indien gemein habe, empfahl er mir das Standardwerk „The Wonder That Was India“ von Arthur Llewellyn Basham, das sich an ein westliches Publikum richtet und dortigen Vorurteilen begegnen soll.
Am späten Abend schlugen der Professor und einer seiner Schwippschwager vor, mit mir an den Strand zu spazieren. Auf dem Weg kaufte sich der Schwippschwager Zigaretten und fragte mich, als wir gerade an einem dubiosen, rot erleuchteten Gebäude vorübergingen, ob ich Motorrad fahren wolle. Er flüsterte dabei geheimnisvoll hinter vorgehaltener Hand und zeigte auf das rote Haus: „You want to ride a bike? You know ... a real bike?“ Er konnte eindeutig nur Prostituierte gemeint haben. Meine Antwort, ich hätte daheim eine Freundin und daher keine Bedarf, irritierte beide sichtlich.
Die Wellen brachen sich verblüffend hoch am flachen Sandstrand. Während wir das Schauspiel betrachteten, sprachen wir über kulturelle Unterschiede zwischen Indien und Europa. Heirat war ein von mir unnötig angesprochenes Männerthema, denn beider Ehen waren durch ihre Familien arrangiert worden, so dass sie nichts weiter taten, als höflich schweigend meinem Mumpitz zu lauschen.
Nachts gab es immer wieder Stromausfälle, wodurch die Klimaanlage ausfiel und ich jedes Mal wegen der rasch aufkommenden Hitze erwachte. Nach einigen Stunden kam mir das Nachbarzimmer in den Sinn, in das ich Hotelangestellte ihre Putzsachen hatte abstellen sehen. Da die Tür nicht verschlossen war, konnte ich einen Besenstil herausnehmen und musste so nicht mehr aus dem Bett steigen, um die Klimaanlage einzuschalten.
Freitag, 27. Mai 2016
Freitag war der erste Tag der großen Hochzeitsfeier. Den genauen Ablauf habe ich nicht mehr im Gedächtnis, aber zuerst trifft sich die Familie des Bräutigams, dann die Familie der Braut und dann kommt es zur Vereinigung der Familien; oder so.
Suchis Mann Nitesh hatte die letzten paar Tage bei seiner Familie in Nordindien verbracht und traf nun in Puri ein, wo ich ihn gemeinsam mit Suchis Bruder vom Bahnhof abholte. Seine Zugreise dauerte mehrere Tage und eine Klimaanlage gab es in seinem Abteil auch nicht. Nach einer solchen Höllenfahrt erwartete ich ihn mitgenommen und erschöpft. Seine Laune war jedoch bestens und man sah ihm die anstrengende Reise nicht an.
Das Mittagessen erfolgte einige Häuserblöcke weiter in einem großen Saal, wo wir im Schneidersitz auf dem Boden die verschiedenen Gänge einnahmen, allesamt auf großen Bananenblättern serviert. Es war vegetarisch und entgegen meiner Erwartung nicht scharf. Als Suchis Vater meine Schwierigkeiten bemerkte, mit den Händen zu essen, fragte er sie, ob es nicht besser sei, mir Besteck zu geben. Sie erwiderte, „I want him to have the full Indian experience.“ Erhebliche Anstrengungen bereitete mir insbesondere der letzte Gang, der aus Joghurt bestand und den all meine Sitznachbarn gründlich mit ihren Fingern vom Blatt löffelten, während ich vergeblich darin herumrührte.
Nachdem man mir im Anwesen von Suchis Familie einen pinken Turban auf den Kopf gebunden hatte, wechselte ich in Niteshs Hotelzimmer, das sich über dem Speisesaal des Mittagessens befand, in eine traditionelle goldene Tracht, die man im Voraus für mich gekauft hatte und die zur allgemeinen Überraschung bestens passte. Goldene Sandalen dazu hatte ich nachmittags gemeinsam mit Nitesh gekauft. Die eigentliche Feier begann vor dem Anwesen von Suchis Familie. Ihr Bruder wurde mit einem geschmückten Auto abgeholt und zum Ort der Trauung gebracht, der sich in meinem Hotel befand. Für jede noch so kleine Tätigkeit, etwa das Tragen einer Lampe oder eines Schirms, wurde jemand verantwortet. Gerne hätte ich mit ihm getauscht, denn die Hochzeitsgesellschaft, der ich nun nüchtern angehörte, tanzte stundenlang mitten im Straßenverkehr bis zum Hotel. Mein schwarzes Hemd unter der goldenen Tracht hatte sich, wie ich später im Hotel feststellte, durch all die Anstrengung weiß verfärbt. Der Professor ließ mich nicht im Stich und trat immer wieder mit einer Wasserflasche heran, wobei er stets betonte, „you need to hydrate.“

Im Hotel nahm ich am Abendessen teil und verfolgte für eine Weile die eigentliche Hochzeitszeremonie, die in einem separaten Raum stattfand, von der ich jedoch wegen sprachlicher und kultureller Hindernisse nur wenig verstand. Dies war Ausrede genug, mich erschöpft in mein Zimmer zurückzuziehen.
Samstag, 28. Mai 2016
Während gerade meinen Tee trank, sprach mich ein kleiner Junge vom Nachbartisch an und fragte, ob ich Fußball möge, denn ich sähe aus wie Lionel Messi. Geplantes Tagesprogramm war der Besuch einer Strandbar, in der es erstklassige Cocktails geben sollte. Diese Planung änderte sich jedoch, als ich Suchi und Nitesh darauf hinwies, bei dieser Hitze keinen Alkohol zu vertragen. Stattdessen fuhren wir aus der Stadt heraus ans Meer, wobei ich selbst fahren durfte, was wegen der ungewohnten Rechtslenkung im indischen Stadtverkehr so herausfordernd ist, wie es klingt.
Am Meer tranken wir aus Kokosnüssen und spazierten den Strand entlang. Ein kleiner Bettlerjunge forderte Rupien von uns und zeigte auf seine Handfläche, auf der bereits einige Münzen lagen. Nitesh nahm sie ihm mit einem lapidaren „thanks!“ ab. Der Junge zog enttäuscht von dannen, wurde aber durch Nitesh zurückgepfiffen, der ihm seine Münzen zurückgab; nicht jedoch eine Rupie mehr.
Den Abend ließen wir bei Verwandten von Suchi ausklingen, denen wir auf dem Hinweg gekaufte Süßigkeiten als Gastgeschenk mitbrachten.

Sonntag, 29. Mai 2016
Mein Frühstück nahm ich, aus unerfindlichen Gründen von den Erwachsenen getrennt, mitsamt allen Kindern im Familienanwesen ein. Im Anschluss brachen Nitesh und ich zum Sonnentempel von Konark auf, der sich rund 30 Kilometer entfernt von Puri befindet und von der UNESCO ebenfalls zum Welterbe erklärt wurde. Dieser Tempel, zur gleichen Zeit wie das Freiburger Münster erbaut, ist dem Sonnengott Surya geweiht. Wer nach Anregungen für Sexstellungen sucht, wird am Fassadenschmuck des Tempels fündig. Der Eintritt kostet für Inder umgerechnet wenige Cent, für Ausländer jedoch ein Vielfaches. Mag man sich als Ausländer dabei zunächst zurückgesetzt fühlen, so ist dies eine wohl gerechte Lösung, mehrheitlich armen Indern den Eintritt zu ermöglichen und gleichzeitig Sanierungsmittel einzunehmen.

Die schwüle Hitze fand an diesem Tag ihren Höhepunkt, so dass ich Nitesh fragte, wie die Einheimischen mit diesem Klima zurechtkämen. Überhaupt nicht, denn sie seien nicht so doof wie wir, entgegnete er trocken und zeigte auf etliche indische Besuchergruppen, die sich im Schatten ausruhten. Eine Gruppe junger Mädchen, im Mittel etwa 16 Jahre alt, scharrte sich plötzlich aufgeregt um mich und bat um ein Foto mit mir. Verschwitzte weiße Riesen scheinen dort ein seltener Anblick zu sein. Vielleicht lag es auch an meiner blauen Stoffhose und den türkisen Schuhen.
Nach einem herzlichen Abschied ließ ich mich mit einem Taxi zurück nach Bhubaneswar bringen, um mit Air India zurück nach Delhi zu fliegen. Der Pilot brach den Startvorgang plötzlich ab und steuerte zurück zum Terminal. Er habe keine Startfreigabe erhalten, da sich über Delhi ein schweres Unwetter zusammengebraut habe. Nach einigen Stunden Wartezeit begann das Bordpersonal damit, das Abendessen auszuteilen. Da ich nur acht Stunden Umsteigezeit eingeplant und den Anschlussflug mit Emirates separat gebucht hatte, wurde ich immer unruhiger. Als der letzte Fluggast sein Tablett erhalten hatte, ertönte die Durchsage des Piloten, „Ladies and gentlemen, we're good to go!“ Gläser und Teller flogen durch die Kabine und nach heftigen Turbulenzen landeten wir spät in der Nacht in Delhi, wo ich mich für zwei Stunden im Hotel ausruhen konnte.
Nach einem ereignislosen Rückflug mit Emirates über Dubai kehrte ich nach München zurück, wo ich etwas vorfand, was ich sonst überhaupt nicht vermisse — kühlen Regen.