Paris für eine Nacht

oder: One night in Paris — Reisebericht

In Frankreich sagt man, Paris sei die schönste Stadt der Welt. Die Idee, einen Heimaturlaub mit einem Kurztrip nach Paris zu verknüpfen, lag daher nicht fern. Um die Kosten in einem vertretbaren Rahmen zu halten, fuhren wir — F., K., J., S. und ich — zu fünft in die Hauptstadt der frankophonen Welt.

Unsere Reise begann am 16.08.2008 um 5:10 Uhr und damit zehn Minuten später als geplant. Es war ein angenehm kühler Morgen mit dichten Nebelschwaden und wenig Verkehr auf den badischen Autobahnen. Bald durchquerten wir Straßburg und hatten Schwein, weil ein französischer Streifenwagen bei einem gewagten und außerdem völlig unnötigen Manöver an einer roten Ampel uns fast in die Seite gefahren wäre. Einige Kilometer hinter der Stadt begann die französische A4 und wir passierten die erste Mautstelle, an der man vor einer Schranke, ähnlich wie in Parkhäusern, eine Karte ziehen muss und damit weiterfährt.

An einem Parkplatz machten wir eine kurze Pause und J. wechselte mit mir den Fahrersitz. Während die vier anderen versuchten, noch ein bisschen zu dösen, genoss ich die schöne Landschaft und die leere Autobahn. Bei einer weiteren Rast wurden wir von einer unfassbar aggressiven Wespe belästigt, die uns nicht nur überall hin folgte, sondern sich nur durch ein geschicktes Täuschungsmanöver von F. vertreiben ließ, der sie vom Auto weglockte.

500 Kilometer und etliche Mautstationen später und um 34 Euro ärmer trafen wir um elf Uhr in Paris ein, wo wir ohne Navigationsgerät dank unserer ausgezeichneten Planung kein einziges Mal falsch abbogen. Unser Hotel dagegen versprach von außen etwas, was es innen nicht halten konnte — da unser Zimmer aber laut Hotelier noch nicht für uns „hergerichtet“ worden war, wussten wir dies noch nicht. Es sollte noch über eine Stunde dauern, bis wir es betreten durften. Wir nutzten die Zeit, um die nähere Umgebung zu erkunden.





Als wir zurückkehrten, lag in unserem Zimmer — „Oui, you can check in now!“ — noch der Müll der Vorgäste auf dem Boden. Einen Mülleimer gab es nicht, dafür aber Haare aus dem Intimbereich der vorherigen Gäste auf meinem Bettzeug. Wir verließen es daher schon bald in Richtung Metro.



Unser erstes Ziel hieß Père Lachaise, der größte Friedhof von Paris, wo neben anderen Berühmtheiten Jim Morrison und Frédéric Chopin begraben liegen. Auf dem Hinweg durchquerten wir eine Haltestelle, die ihren gruseligen Namen einer sowjetischen Stadt verdankt, und am Eingang des Friedhofs ließ ich mich von einem zugedröhnten Kerl mit Lidl-Tüte anlabern. Man fühlte sich beinahe wie in Berlin.

Père Lachaise ist so groß, dass man sich darin verläuft, aber zugleich so schön, dass es einem nichts ausmacht. Wir brauchten 20 Minuten, bis wir Morrisons Grab gefunden hatten. Nicht weit entfernt ruht Chopin, dessen Grab einen sehr gepflegten Eindruck macht und von Bewunderern mit Blumen überhäuft wird. Bei Morrison liegen dafür Zigaretten und Joints auf dem Grab.





Wir befanden uns im östlichen Paris und hatten zunächst vor, weiter ins Zentrum in Richtung Notre Dame vorzustoßen. Ein spontaner Abstecher nach Montmartre scheiterte an den Besucherströmen, die Richtung Hügel spazierten. Wir verschoben den Besuch auf den nächsten Tag und fuhren wie geplant weiter nach Süden und verließen die Haltestelle unter der Île de la Cité, auf der Notre Dame steht. Auch hier waren Unmengen von Touristen unterwegs und man konnte sich denken, wie Frankreich zum Titel des meistbesuchten Landes der Erde gekommen ist.





Es ging an Notre Dame vorbei, herunter von der Île de la Cité und rüber auf die südliche Seite der Seine. Ziellos, nur grob Richtung Osten, streiften wir durch die Gassen. Geplagt vom Durst kaufte ich mir eine Orangina, während sich die anderen an dem reichhaltigen Weinangebot und der tiefgefrorenen Schnecken erfreuten. Bevor sich S. eine frische Crêpe kaufte, raste an uns ein Inline-Skater vorbei, der sich im dichten Verkehr an der Seite eines Autos festhielt. Dass Franzosen verrückt sind und ihre Gehirne beim Sport zu Hause lassen, ist hinreichend bekannt.

Am Ufer der Seine hatten einige Gebrauchtwarenhändler ihre Stände aufgebaut, an denen sie Bücher, CDs und Bilder verkauften. Viele Artikel von The Doors wurden dort angeboten und man könnte sich fragen, ob es für Paris eigentlich hätte besser laufen können: Morrison zog in die Stadt, quoll auf, setzte sich eine Überdosis und starb — und Paris profitiert bis heute davon.



Auf einer Brücke über der Seine, nur wenige hundert Meter östlich vom Louvre entfernt, machten wir eine kurze Pause und beobachteten die Menge. Paris scheint nur aus Touristen zu bestehen; wo sich die Bewohner herumtrieben, entzieht sich unserer Kenntnis.

Der Hunger trieb uns am Louvre vorbei zu einem McDonald's, der zwar nicht das ist, was man unter Haute Cuisine versteht, aber das einzige bezahlbare warme Essen bot. Kurioserweise kostet ein Hamburger nur 95 Cent, während der in Deutschland und den USA jeweils gleich teure Cheeseburger mit 1,75 Euro fast das Doppelte kostet. Die Bedienung war geradezu überrascht von unserer Bestellung: „Neuf hamburger, s'il vous plaît“ — „neuf!?“ — „oui, neuf“. Was sind denn schon neun Hamburger? Gespart hat der Schuppen allerdings bei der Anzahl seiner Toiletten, was in einer zu S.' Leidwesen langen Schlange vor dem Damenklo resultierte.

Unsere nächste Fahrt mit der überfüllten Metro führte uns zum Eiffelturm. Mangels Zeit und wegen der langen Warteschlange war es uns leider nicht möglich, ihn zu erklimmen. Den Einschlagskrater von Franz Reichelt am Fuße des Turms hat man in den Jahren leider ausgebessert. Nach einigen Fotos vom Ufer der Seine aus befanden wir uns schon wieder auf dem Rückweg zu unserer Absteige.



S.' Zug nach Hause ging um 22:45 Uhr am Gare de l'Est, wir hatten also noch knapp drei Stunden Zeit. Zunächst deckten wir uns mit Kronenbourg-Bier ein, das wir im Supermarché um die Ecke kauften, und gingen dann die Rotlichtmeile entlang und vorbei an der Moulin Rouge. Das Bier sorgte dafür, dass J. und K. mit zunehmender Verzweiflung versuchten, die gebührenfreien öffentlichen Toiletten auf ihre Betriebsbereitschaft hin zu überprüfen. Ihre Müh war jedoch vergeblich, denn bis auf eines, das furchtbar stank, waren alle anderen abgeschlossen. Als wir den Boulevard verließen, erschrak J., weil der neben ihm stehende Afrikaner sein „Yo!“ nicht nur in sein Handy, sondern auch in J.s Ohr brüllte.



Kurz vor dem Gare de l'Est, es war inzwischen 21:20 Uhr, wollten wir uns mit weiterem Bier eindecken, verließen jedoch voller Entsetzen — und das zurecht! — das Geschäft. Wie uns gesagt wurde, verkauft man dort keinen Alkohol mehr ab neun Uhr abends. Mit getrübter Stimmung betraten wir den Bahnhof und vertrieben uns mit Kaffeetrinken die Zeit. Als S.' Zug endlich angekündigt wurde, ging es auf den Bahnsteig. Leider war sie nicht die einzige, die die Nacht hindurchreisen wollte, sondern musste sich den Wagen mit einer lärmenden Schulklasse teilen. Da ich sie in den Wagen begleitete und dafür einige Schuljungs aus dem Weg räumen musste, verpasste ich leider die Prügelei zweier Mädchen hinter uns, was F., K. und J., die draußen warteten, eine gewisse Unterhaltung bot. Da in S.' Abteil neben zwei älteren erstaunlich gut gelaunten Herren, die wir fälschlich für die Lehrer hielten, drei Jungs mit Brillen und Kragen saßen (vermutlich die ausgestoßenen stillen Klassenstreber) hofften wir, sie würde die Nacht überstehen und ein wenig zur Ruhe kommen.

Zurück ins Hotel ging es diesmal nicht zu Fuß, sondern mit der Metro. Der Supermarché, in dem wir drei Stunden vorher eingekauft hatten, war noch geöffnet und liberaler beim Verkauf von Bier. Nach einem kurzen gesitteten und friedlichen Gelage im Hotel war unser Abend vorüber.





Am nächsten Morgen standen wir um 7:30 Uhr auf und verließen schon bald danach das Hotel. Auf dem Weg zum Parkhaus sahen wir, weshalb französische Autos immer so verbeult sind: man zieht die Handbremse nicht an und lässt sich in den Parklücken gegenseitig hin und her schieben. Im Auto neben unserem Passat im Parkhaus war ein armer Hund eingesperrt, der nicht nur der schlechten Luft, sondern auch unerträglichem Lautsprechergedudel ausgesetzt war.

Es galt nun, den Besuch von Montmartre nachzuholen, der am Vortag ausgefallen war. Wir sparten uns die Fahrkarten und gingen zu Fuß, da unser Hotel nicht weit von dem Hügel entfernt lag. Auf dem Weg kamen wir an Delikatessengeschäften und Weinhandlungen vorbei und an einer Katze, die entspannt auf dem Dach eines Autos lag und sich weder von mir noch von einem anderen Mann stören ließ, der ihr das dicke Kinn kraulte. Weiter oben wurde es dann etwas belebter. Während wir vor einer Bäckerei standen, kam eine Frau auf ihrem Roller angerollt und schrie ihre Bestellung („treize baguettes!“) in den Laden hinein und dass sie in zehn Minuten zurückkäme.





Einige Schritte und zwei japanische Reisegruppen später standen wir auf dem Gipfel von Montmartre und damit am Fuße der Basilika Sacré-Cœur. Abgesehen von der grandiosen Aussicht waren es die vielen Händler, die auf Teppichen ausgebreitet ihre Ware, vornehmlich kleine Eiffeltürme, präsentierten und das Bild bestimmten. Wir fragten uns, wie man im teuren Paris vom Verkauf dieser Waren leben kann. Vielleicht funktioniert es wie bei „Asterix und der Arvernerschild“: ein Händler kauft beim anderen ein und umgekehrt.





Als nächstes sollte es zum Louvre gehen, den wir am Vortag ausgelassen hatten. Ein Besuch des Museums war natürlich ausgeschlossen, da wir einige Stunden später nach Hause aufbrechen wollten; ein Blick auf das Äußere sollte aber schon sein. Wir kauften Einzelkarten für die Metro und fuhren nach Süden.

Entgegen den Wetterberichten, die wir noch zu Hause in Deutschland gelesen hatten, riss der Himmel auf und wir konnten bei Sonnenschein zum Louvre spazieren. An einem großen Teich, an dem auch viele andere Menschen die Sonne genossen, legten wir eine kurze Rast ein, bevor es weitergehen sollte zum Arc de Triomphe.





Der Arc de Triomphe liegt wenige Kilometer nordwestlich vom Louvre entfernt und ist über die Champs-Élysées erreichbar. An dieser Prachtstraße befinden sich nicht nur edle Geschäfte, für die wir viel zu abgerissen und arm gewesen wären, sondern auch McDonald's und eine Pomme-de-Pain-Filiale, was übersetzt hoffentlich nicht „Apfel des Schmerzes“ bedeutet. Die Nazis sind diese Allee glücklicherweise nur entlangmarschiert und haben sie entgegen Hitlers Willen, der am Ende des Krieges alles in Schutt und Asche legen lassen wollte, nicht zerstört. Ein Besuch in Paris bedeutet ohnehin das Verweilen in einer wunderschönen, kriegsunversehrten Metropole, in der man stundenlang in jede Gasse einbiegen kann, die sich einem gerade bietet, ohne dass es einem missfällt.

In einer Peugeot-Filiale stand ein 207er, der passend zur Allee klassisch umgebaut wurde und in den statt Fahrersitzen gewöhnliche Stühle eingebaut worden waren. Vor Boutiquen standen Händler, die Klettermännchen und Plastikspielzeug an den Mann zu bringen versuchten und für das, was sie verlangten, erstaunlich erfolgreich waren.

Am Ende der Straße befindet sich der Kreisverkehr um den Arc de Triomphe. Als Fußgänger ist man gezwungen, einen Tunnel zu benutzen, wenn man sich nicht zu Fuß wie Ulrich Wickert durch den Verkehr traut. Ist man unter dem Wahrzeichen aufgetaucht, bietet sich eine schöne Sicht in sämtliche große Verkehrsachsen, auf den Louvre und den Grande Arche in La Défense.







Obwohl F. Lust hatte, etwas länger in Paris zu bleiben, beschlossen wir, zum Parkhaus zu fahren. Wir machten eine letzte Fahrt mit der Metro und aßen noch etwas am Place de Clichy, wo sich unser Auto befand. Wären wir reich und berühmt gewesen oder wenigstens reich, wäre das Restaurant auf der anderen Straßenseite reizvoller gewesen als immer nur McDonald's.

Es war 14:05 Uhr. Für das Parkhaus bezahlten wir 21,40 Euro, denn immerhin stand unser Auto seit 26 Stunden dort. Wären wir nur zwei Minuten später gekommen, wären es ein paar Euro mehr geworden. Als wir auf dem Weg zum Pariser Autobahnring waren, stellten wir mit Erschrecken fest, dass die Tankstellen nur Kreditkarten akzeptieren. Der einzige Karteninhaber unserer Gruppe war aber schon am Vorabend abgereist. Mit 18 Litern fuhren wir auf die Autobahn und hofften, dass die dortigen Tankstellen auch Bares akzeptieren.

Die Heimfahrt blieb ohne nennenswerte Vorfälle, auf der anderen Straßenseite konnten wir jedoch durch die Wochenendpendler verursachte lange Staus entlang der Mautstellen beobachten. Nach einigen Stunden kamen wir etwas erschöpft, aber zufrieden zu Hause an. Für die Erkenntnis, wie schön Paris ist, hat eine Nacht gereicht. Für ein umfassenderes Programm, etwa die Besteigung des Eiffelturms oder ein Besuch des Louvre, ist es aber unerlässlich, länger in der Stadt zu verweilen. Besucht man Paris für eine Nacht, wäre ein solches Programm wohl nur durch japanische Touristen zu bewältigen.