Eine Woche in Tokio
Reisebericht
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Freitag, 21. Mai 2010
Mein Reisebericht beginnt mit einer kleinen Lüge, denn unsere Reise begann nicht am Freitag, sondern schon am Donnerstag. Unsere Planung sah einen einwöchigen Aufenthalt in Tokio und Umgebung vor, für den wir ob seiner kurzen Dauer im Voraus meist belächelt wurden. Ausgerüstet mit zwei Kameras, drei Objektiven, einem „Lonely Planet“-Reiseführer und jeder Menge Vorfreude begann unser Unternehmen um 15.45 Uhr mitteleuropäischer Zeit, als unsere Boeing 777-300ER der Emirates in Richtung Dubai abhob. Ein bisschen Mut gehört für eine Reise nach Japan auch dazu, da man neben Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Taifunen und Tsunamis immer auch mit Angriffen von Godzilla rechnen muss.
Kurz vor Mitternacht erreichten wir Dubai, wo außerhalb des gewaltigen Terminals immer noch 33 Grad Celsius herrschten. Die bereitgestellten Liegestühle waren leider alle schon belegt, also verbrachten wir unsere Wartezeit mit Herumspazieren und Zeitunglesen. Selbst um drei Uhr nachts war dabei in allen Geschäften noch rege Betriebsamkeit vorzufinden. Müde stiegen wir um 3.15 Uhr in eine weitere Boeing der Emirates, die zwar eine modernere Einrichtung, dafür aber weniger Sitzabstand bot. Mit einer halbstündigen Verspätung brachen wir endlich nach Tokio auf. Im Flugzeug schienen wir die einzigen Europäer unter vielen Japanern zu sein. Unser japanischer Sitznachbar wartete, bis wir unsere Reisehöhe erreicht hatten und setzte sich dann nach einer höflichen nonverbalen Geste um, damit wir mehr Platz hatten. Dem Essen folgte wegen der Reiserichtung ein rascher Sonnenaufgang; die meisten Passagiere bekamen davon aber nichts mehr mit und auch ich hatte nicht bemerkt, wie eine Flugbegleiterin offenbar über mich hinübergeklettert war, um die Fensterabdeckung zu schließen.
Nach rund zehn Stunden überflogen wir Osaka und genossen vor dem Anflug auf den Flughafen Narita die Aussicht auf kleine Wälder, Dörfer und viele Reisfelder im Sonnenuntergang. Nach der üblichen Passkontrolle kauften wir Fahrkarten für die Keisei-Linie, die zwischen Narita und Ueno pendelt, einem nördlichen Tokioter Stadtteil. Während S. für die Stunde Fahrtzeit die Augen schloss, sah ich eine schöne, überraschend ländlich geprägte Gegend an uns vorbeirauschen, ehe es wieder städtisch wurde. Die U-Bahnhöfe auf unserer Strecke durchquerten wir mit rund 100 Stundenkilometern, was für Außenstehende ein eigenartiges Gefühl gewesen sein muss.
Gegen 20 Uhr erreichten wir Ueno, wo wir für einige Zeit ratlos vor dem Fahrkartenautomaten standen. Hat man das Tarifsystem aber einmal verinnerlicht, ist es sehr schlüssig; man denke hier nur an das in dieser Hinsicht völlig konfuse München und vor was für Rätsel es Japaner stellen muss. Angesichts der fortgeschrittenen Stunde entschieden wir uns gegen Tageskarten und für Einzelfahrten. In Tokio gibt es, ähnlich wie in New York, vor jedem U-Bahnsteig Schranken, in die man seine Fahrkarte steckt und die dann auf der anderen Seite wieder herauskommt. Ich war mit meinem Gepäck in der Hand wohl nicht schnell genug und musste dabei zusehen, wie meine Karte von dem Automaten wieder eingezogen und gefressen wurde. Da kein Bahnmitarbeiter zu sehen war, kaufte ich mir mürrisch eine neue.
Einmal mussten wir noch umsteigen, ehe wir an unserer Endstation Hanzomon angelangt waren. Am Ausgang der Haltestelle wurden unsere Orientierungssinne auf eine harte Probe gestellt, da der erste Japaner, den ich ansprach, kein Wort Englisch beherrschte und auch die zweite nur einige Stichwörter kannte. Unser Hotel, das sehr empfehlenswerte Grand Arc Hanzomon, fanden wir daher erst nach einem größeren Umweg und ich war trotz Ausdauer und eines gestählten Oberkörpers völlig durchgeschwitzt. Nebenan wurde im Erdgeschoss eines Hochhauses gerade eine Fernsehsendung aufgezeichnet, die wir später im Hotelzimmer im Fernsehen sahen.
Unser Zimmer bot eine großartige Aussicht auf das südliche Tokio und die kaiserlichen Gärten. Nach der dringend benötigten Dusche erkundeten wir noch die nähere Umbegung und kauften ein paar japanische Bier. Gegen Mitternacht ging es schließlich ins Bett.

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