Im Land der Schafe

Einmal um Island herum — Reisebericht
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Dienstag, 21. Juni 2011

Am Nebentisch saß beim Frühstück ein Skandinavier, der mit dem tiefsten und durchdringensten Bass sprach, den ich je gehört habe. Mein Onkel hatte einmal einen alten Audi, dessen löchriger Auspuff ähnlich klang. Wenig später gesellten sich auch einige Inder hinzu, wobei sich die pummeligste ganze Butterwürfel aufs Brot legte; ekelhaft.

Um 8.30 Uhr verließen wir Höfn in Richtung Osten. Unsere Etappe nach Akureyri im Norden Islands betrug rund 520 Kilometer. Der Osten Islands ist weitestgehend menschenleer, allerdings nicht so steinig wie es die Südküste an vielen Stellen ist. Die Schafe, denen wir begegneten, blieben brav am Wegesrand stehen und futterten Gras. Wer auch immer der Ansicht ist, Hunde seien klüger als Schafe, er irrt. Es dauerte nicht lange, da bot sich uns an einer schroffen Steilküste eine grandiose Aussicht. Die spärlich gesäten Touristen verhielten sich alle gleich: kurz anhalten, aussteigen, Fotos schießen, weiterfahren. Dies galt auch für uns, der Weg war zwar das Ziel, aber dennoch noch weit.



Kurze Zeit später durchquerten wir den ersten und einzigen Tunnel an diesem Tag. Unser Weg führte uns an Fjorden entlang und wurde bald zur Schotterpiste. Sofern mich meine Erinnerung nicht trügt, war dies eins von lediglich zwei verbliebenen unasphaltierten Stücken der Ringstraße. Statt der üblichen 90 sind auf Schotter nur 80 km/h erlaubt.



An einer Kreuzung zeigten zwei Schilder nach Egilsstaðir, einer Stadt auf unserem Weg. Zur Sicherheit blieben wir auf der Ringstraße, natürlich nichtsahnend, damit einen größeren Umweg in Kauf zu nehmen. Die anschließende Fahrt verlief von der Küste fort durch ein einsames Tal und einen Berg hinauf. An einer engen Steilkurve kam uns eine streunende Herde Schafe entgegen, die sich an uns vorbeizwängte. Ein Jungtier wäre dabei beinahe den Abhang hinuntergekullert. Auf dem Gipfel machten wir an einer Nothütte eine Pause. Trotz des Sonnenscheins war es so kalt, dass es sich nur kurz außerhalb des Polos aushalten ließ.



Rasch ging es den Berg hinab und an Flüssen und Seen entlang nach Egilsstaðir. Ein partiell am Bauch geschorenes Mutterschaf überquerte gemeinsam mit zwei Jungtieren seelenruhig vor uns die Straße und rund 100 Meter entfernt grasten einige Rentiere in der Sonne. Austurland, die östlichste Region Islands, ist so groß wie Hessen, wird aber von nur 13.000 Menschen bevölkert. Im Gegensatz zum westlichen Teil der Insel begegnet man im Osten nur selten jemandem auf der Ringstraße. Wenn man will, kann man mitten auf der Straße anhalten, aussteigen, herumspazieren und die Gegend erkunden oder fotografieren, das stört niemanden.

Nach rund 250 Kilometern hatten wir Egilsstaðir erreicht. Unser Mittagessen nahmen wir bei Subway ein und erledigten einige kleine Einkäufe in einer Filiale der Bónus-Supermarktkette. Ihr Firmensymbol ist ein schielendes Schwein, das aussieht, als habe der Bolzenschuss nicht richtig gesessen.



Bald hinter dem Städtchen wurde die Landschaft schwarzgrau und wir erreichten das isländische Hochland und die Wüste Ódáðahraun, das Missetäterlavafeld. Vor langer Zeit hatten Geächtete in dieser Gegend ihr Dasein gefristet, daher der Name. Eine lokale Berühmtheit ist Eyvindur Jónsson, der im 18. Jahrhundert 20 Jahre lang mit seiner Frau in dieser Einöde hauste. Ihre Hütte, deren Reste heute noch sichtbar sind, hatten sie sich aus Lavagestein gebaut. Hin und wieder überfielen sie Reisende oder stahlen herumlaufende Schafe. Ob jemand anderes als ein echter Wikinger diese Strapazen aus Hunger, Kälte und Einsamkeit überstanden hätte? Ein Autoschaden würde einen hier wohl in Lebensgefahr bringen, wenn nicht hin und wieder andere Autos vorbeikämen.

Zu unserem Glück ließ uns das Wetter nicht im Stich. Die Fernsicht war so gut, dass man von einem höher gelegenen Punkt aus die Herðubreið sehen konnte, einen weithin sichtbaren Tafelvulkan, der als einer der schönsten Berge ganz Islands gilt. Wenn man es nicht besser wüsste, müsste man glauben, man hätte „Der Herr der Ringe“ in dieser Wüste gedreht. Ganz zu unserem Erstaunen fuhren wir plötzlich an ein paar Schafen vorbei, die mitten in diesem Geröll irgendwie überleben können. J. nahm dies zum Anlass, uns von Shrek zu erzählen, einem neuseeländischen Schaf, das seinem Herren ausgebüchst war und fortan als Einsiedler über Jahre in einer Höhle lebte. Als man ihn schließlich fand, brachte er knapp 30 Kilo Wolle auf die Waage.



Bevor wir den Mývatn-See erreichten, passierten wir den Námafjall, an dem sich ein Hochtemperaturgebiet befindet. Überall stank es nach Schwefel, ganz besonders an den Solfataren. An diesen Austrittsstellen wurde einem übel wegen des Gestanks, allerdings übte dieses Schauspiel, bei dem mit enormer Kraft und entsprechendem Lärm Gas entweicht, eine ganz eigene Faszination aus. Wen verwundert es da schon, dass man sich auf Island wegen seiner Energieversorgung keine Sorgen zu machen braucht. Ein Schild wies darauf hin, die befestigten Wege nicht zu verlassen, da man einbrechen oder in einem Schlammtopf versinken könnte.





Bis Akureyri im Norden der Insel lagen noch etwa 100 Kilometer vor uns. Angesichts der fortgeschrittenen Tageszeit verzichteten wir auf einen Besuch des mächtigen Dettifoss-Wasserfalls, der ein gutes Stück abseits der Ringstraße liegt. Hierfür wäre ein zusätzlicher Tag wünschenswert gewesen, was sich aber zeitlich nicht einrichten ließ, zumal Germanwings Island nur alle paar Tage anfliegt. Der Goðafoss war dafür auch durchaus ansehnlich.

Ehe wir Akureyri erreichten, mussten wir für eine Weile an der gegenüberliegenden Seite der Bucht entlangfahren. Islands Nordküste liegt am Nordpolarmeer, ich hatte also innerhalb von zweieinhalb Jahren vier von fünf Weltmeeren besucht.

Man findet in Island abseits der Region Reykjavík keine größere Stadt als Akureyri. Wie am Vorabend auch ging es als erstes zur nächstbesten Tankstelle. Unser Gasthaus lag nicht in der Stadt selbst, sondern rund fünf Kilometer nördlich direkt am Meer. Die Betreiberinnen hatten sich mit ihrem „Guest House“ wohl einen Traum erfüllt, denn in einer so sauberen und liebevoll eingerichteten Unterkunft waren wir bislang nicht untergekommen. Dank einer größeren deutschen Reisegruppe im Erdgeschoss wies man uns zwei hübsche Zimmer im ersten Stock zu. Die netten Betreiberinnen würden eine Woche später behaupten, wir wären nie im Gasthaus aufgekreuzt. Zum Ausklang des Tages schlenderten wir eine Weile am Strand entlang und gönnten uns dann ein paar Kölsch.