Im Land der Schafe
Einmal um Island herum — Reisebericht
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Mittwoch, 22. Juni 2011
Mitten in der Nacht wurde ich wach. Ich verließ unser abgedunkeltes Zimmer und sah am Notausgang hinaus auf den Parkplatz, wo es immer noch so hell war wie bei uns in der frühen Dämmerung. Pünktlich zur Sommersonnenwende waren wir nur rund 100 Kilometer vom Polarkreis entfernt. Wie bedrückend es am 21. Dezember sein muss, mag man sich gar nicht vorstellen. Ebenfalls ungewohnt war die morgendliche Dusche, denn das Wasser stank nach Schwefel. Beim Frühstück saßen wir zwischen lauter deutschen Touristen. Mit am Tisch war auch eine Dame des Hotels, die sich mit nahezu akzentfreiem Deutsch unterhielt. Als J. sie etwas fragte, antwortete sie ihm jedoch plötzlich auf Englisch.
Ehe wir nach Westen in Richtung Reykjavík aufbrachen, fuhren wir noch einmal nach Akureyri. Dank einiger Coupons, die man uns beim Autoverleih mit auf den Weg gegeben hatte, konnten sich S. und J. an einer Tankstelle mit Gratiskaffee versorgen. Von der Anhöhe der Akureyrarkirkja aus, der modernen Kirche aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, hat man eine gute Sicht auf die Stadt.
Am Ortsausgang deutete ein Schild die Entfernung nach Reykjavík auf 384 Kilometer. Wir ließen das Radio laufen und erfreuten uns an einem Sender, der amerikanische Pop-Musik aus den 60er Jahren spielte, nur leider war der Empfang schon nach recht kurzer Zeit zu schwach. Im Gegensatz zu den ersten beiden Tagen sahen wir wenige Schafe, dafür aber viele berittene Pferde. Im nordwestlichen Island scheint ein Schwerpunkt im Reittourismus zu liegen, zumal das Land auch nicht ganz so karg ist wie im Süden oder Osten der Insel.

An der Vatnsnes-Halbinsel verließen wir die Ringstraße und fuhren in Richtung der Küste nach Norden. Als Ziel hatten wir den Hvítserkur ausgemacht, einen etwa 15 Meter hohen einsamen Basaltfelsen im Meer, bei dem es sich um einen versteinerten Troll handeln soll. Es zeichnete sich bald ab, dass unser Vorhaben zum Scheitern verurteilt war. Der Straßenbelag bestand an vielen Stellen aus grobem Schotter und wir befürchteten, der Unterboden unseres Polos war schon am Vortag bei einem waghalsigen Fahrmanöver, das ich nicht weiter erklären möchte, in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Strecke um die Vatnsnes beträgt außerdem über 100 Kilometer und damit zuviel für 40 km/h auf Schotter. Mit einem Schlenker auf die Straße 717 fuhren wir zurück zur Ringstraße, natürlich nicht, ohne vorher die Borgarvirki zu besuchen. Diese Erhebung aus Basaltsäulen diente vor Jahrhunderten als Festungsanlage eines Wikingerstammes, der selbst auf diesem verlassen Flecken Erde nicht imstande war, in Frieden mit seinen Nachbarn zu leben.


Ich hatte mich erkältet und lag die meiste Zeit leblos im Auto herum, während S. uns nach Reykjavík brachte. Hinter Borgarnes verzichteten wir darauf, den Fjord zu umfahren und zahlten 900 Kronen für die Durchfahrt des knapp sechs Kilometer langen Hvalfjarðargöng-Tunnels unter dem Meer hindurch nach Reykjavík, der bei einem Test des ADAC im Jahr 2010 von allen geprüften Tunnels Europas die schlechteste Note erhielt.
In Reykjavík ging es einige Male im Kreis, ehe wir unser Hotel gefunden hatten. Nach dem Einchecken durchstreiften wir die Innenstadt, kehrten aber nach einiger Zeit zurück, um unser Auto umzuparken, das wir irgendwo am Hafen abgestellt hatten. Während J. es in die Tiefgarage des Hotels fuhr, kauften S. und ich Postkarten an der Rezeption. Bei der Bezahlung ließ ich mich während der Suche nach passenden Münzen zu der Bemerkung hinreißen, die Isländer sollten sich endlich den Euro zulegen. Der Rezeptionist meinte, der Euro allein sei den Isländern ja auch willkommen, mit der Europäischen Union allerdings wolle man nichts zu schaffen haben.
Den Abend verbrachten wir zunächst damit, mit dem Polo durch die Stadt zu fahren und eine Essensgelegenheit zu suchen. Unerwartet fündig wurden wir bei einer Videothek, die Hamburger anbot. Bevor es zurück ins Hotel ging, machten wir noch einen Abstecher an den westlichen Küstenabschnitt der Stadt, wo auch ein kleiner Leuchtturm steht. Strenggenommen befanden wir uns gerade in Amerika, da die Plattengrenze zwischen der nordamerikanischen und der eurasischen Platte quer über die Insel verläuft. Meine Erkältung trieb mich früh ins Bett und auch S. war vom Fahren müde, während J. sich mit dem verbliebenen Bier noch einmal zu einem Spaziergang in die Stadt aufmachte.

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