Eine Woche in Tokio
Reisebericht
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Samstag, 22. Mai 2010
Ganz ohne Wecker und ohne Jetlag gelang es uns, um 7.30 Uhr aufzustehen. Unsere ersten Schritte führten uns zum nahegelegenen Parkgelände des Kaiserpalastes, dessen größter Bereich aber, wie wir nach einer halben Umrundung feststellen mussten, für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Den vielen Läufern blieben also nur die engen Gehwege an der Straße, die um den Park herum führt. In den Kirschbäumen, die die Wege säumten, hatten es sich überall Kolkraben bequem gemacht und krächzten mit einem Heidenlärm, wenn sie nicht gerade am Fressen waren.
Wir überquerten die erste Brücke, die über den breiten Wassergraben in den Park führt. An einem Wächterhäuschen gab man uns je eine dicke Eintrittskarte aus Plastik, die wir beim Verlassen des Geländes wieder abgeben mussten. Im Park selbst war nicht besonders viel los; auf dem Grün hatten sich einige junge Familien niedergelassen, ansonsten beherrschten japanische Rentnergruppen das Bild. Westliche Touristen waren nur selten auszumachen. In den Teichen schwammen Koi-Karpfen, die sich anfassen ließen und glubschäugig darauf warteten, von Besuchern gefüttert zu werden. Im Sonnenschein ließ sich bereits erahnen, wie unerträglich heiß und schwül Tokio im Hochsommer sein muss.

Nach einer kurzen Kaffeepause in der U-Bahn-Station fuhren wir zum Bahnhof Shinjuku, der im gleichnamigen Viertel im westlichen Tokio liegt. Mit über drei Millionen Fahrgästen pro Tag gibt es keinen Bahnhof auf der Welt, der von mehr Passagieren benutzt wird. Am Frankfurter Hauptbahnhof ist es etwa ein Zehntel dieser Menge.

Unser eigentliches Ziel waren jedoch die Hochhäuser von Shinjuku, die eine Aussicht über die Stadt ermöglichen — und das für lau. Vor dem 243 Meter hohen Tokyo Metropolitan Government Building, also dem Regierungsgebäude der Präfektur Tokio, waren Scharen von Kindern und Betreuern unterwegs, die zu unserem Leidwesen dasselbe vorhatten. Die Sicherheitskontrolleure vor dem Fahrstuhl waren vollendet höflich und die Aussicht von der Besucherplattform aus grandios. An weniger diesigen Tagen ist es möglich, den Fuji zu sehen; im Nachhinein vermute ich aber, solche Tage gibt es in Tokio nur im Winter.


Unsere Blicke waren auf einen kleinen Park gefallen, auf dem gerade ein Flohmarkt veranstaltet wurde. In Tokio scheinen Flohmärkte besonders angesagt zu sein, denn die Verkäufer und Besucher waren fast ausnahmslos junge Menschen. Einige Jungs zeigten ihre Skateboard-Tricks und ein Grüppchen Obdachloser saß gutgelaunt unter einem Baum und schien sich angeregt über die Katze zu unterhalten, die wohl einem der Männer gehörte und abwechselnd zwischen ihnen oder in dem Zeltverschlag schlief.


Auf unserem Rückweg machten wir Halt bei einem Buchladen. Bei manchen Mangas war es nur schwer herauszufinden, worum es sich überhaupt handelt und einige waren so derbe, dass man sich bei der Einreise nach Deutschland damit ernsthafte Schwierigkeiten am Zoll eingehandelt hätte. Kunst- und Pressefreiheit werden in Japan offenbar weit ausgelegt.

Als nächstes besuchten wir den Stadtteil Roppongi und die Roppongi-Hills, einen großen Einkaufskomplex. Früher war Roppongi berühmt für sein wildes Nachtleben und hatte die größte Diskothek Asiens zu bieten, davon ist nach Jahren der Krise aber nichts mehr zu sehen. Stattdessen gab es für die Besucher von Sony eine Veranstaltung, bei der 3D-Brillen ausgehändigt wurden. Gefilmt wurde die Bühne vor einer großen Leinwand, auf der ein Mitarbeiter von BBC im Gespräch mit einer Dame von Sony war. Hinter der Besucherfläche war wiederum ein kleiner Park, in dem es sich junge Leute auf der Wiese bequem gemacht hatten.

Zurück in Hanzomon deckten wir uns in einem kleinen Supermarkt mit Getränken für den Abend ein. Nach einer kurzen Pause im Hotel fuhren wir zum Bahnhof Shibuya, der auch im Westen Tokios liegt. Direkt am Hauptausgang befindet sich die immens frequentierte Straßenkreuzung, die Scarlett Johansson in „Lost in Translation“ überquert hat. Ich ließ es mir nicht nehmen, die Hachiko-Statue zu fotografieren. Sie wurde noch zu Lebzeiten des gleichnamigen Hundes errichtet, der 1935 gestorben war, nachdem er jahrelang jeden Tag treu vor dem Bahnhof auf seinen verstorbenen Besitzer gewartet hatte. Richard Gere hat die Geschichte vor kurzem als amerikanische Fassung verfilmt und spielt darin das Herrchen. Angesichts der vielen Menschen, die sich vor der Statue fotografieren ließen, scheint der Hund von seiner Beliebtheit nichts verloren zu haben. Der echte Hachiko steht übrigens ausgestopft in einem Museum.

Shibuya gilt als Szeneviertel für junge Leute. Überall blitzt und blinkt es, vor den Geschäften werben Mitarbeiter mit Megaphonen und aus den Karaoke-Bars dröhnt es hinaus. Gerne hätte ich einen solchen Schuppen betreten. Nachdem S. überreizt war, fuhren wir zurück zu unserem Asahi-Bier im Hotelzimmer.

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