Eine Woche in Tokio

Reisebericht
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Montag, 24. Mai 2010

Der Wetterbericht, den wir uns während einer „Alarmstufe: Rot 2“-Werbeunterbrechung angesehen hatten, behielt leider Recht, denn es regnete noch stärker als am Vortag. Unsere Stimmung ließen wir uns davon nicht vermiesen, da ohnehin ein Besuch des Ghibli-Museums auf dem Plan stand.

Das Museum des gleichnamigen Filmstudios, dem so großartige Streifen wie „Prinzessin Mononoke“ und „Das Schloss im Himmel“ zu verdanken sind, liegt in Mitaka, einem Vorort westlich von Tokio. Vorher frühstückten wir aber noch ausgiebig im Bahnhof Shinjuku.

Am Bahnhof in Mitaka angekommen, war es dank der vorbildlichen Ausschilderung unmöglich, den Weg zum Museum zu verfehlen. Es folgte ein Marsch an einem kleinen Bach entlang, den wir wohl nicht angetreten wären, wenn wir uns nicht im Hotel Regenschirme hätten ausleihen können.

Das Museum erinnert von der Architektur her an Hundertwasser, liegt im Grünen und ist auf seinem Dach dicht bewuchert. Wir hatten uns bereits in Deutschland Eintrittskarten reserviert, die am Eingang jeweils gegen einen originalen 35-mm-Filmstreifen eingetauscht wurden. In der zentralen Halle, die mit einer eindrucksvollen Kuppel überbaut ist, betrachteten wir zunächst Modelle der fantastischen Fluggeräte, die sich Hayao Miyazaki für seine Filme ausgedacht hat, ehe wir für einen Kurzfilm Schlange standen, den es ausschließlich im Museum zu sehen gibt. Die Kurzfilme wechseln alle paar Monate. Für uns gab es eine Fortsetzung zu „Mein Nachbar Totoro“, die in dem kleinen Kinosaal von vielen Aahs und Oohs begleitet wurde. Im zweiten Stock hat man ein Zeichenstudio nachgebildet, das eher wie ein gründerzeitliches europäisches Arbeitszimmer anmutet und kein bisschen die moderne japanische Nüchternheit wiedergibt, die man im echten Ghibli-Studio antreffen dürfte. Auf der unteren der beiden Dachterrassen machten wir eine kurze Kaffeepause. Der „japanische Tee“, den ich bestellte, war jedoch nichts weiter als ungezuckter kalter, schwarzer Tee; ungewohnt, aber eigentlich gar nicht so übel. Danach bestiegen wir das Dach, auf dem eine große Nachbildung eines Roboters aus „Das Schloss im Himmel“ steht, meines heimlichen Lieblingsfilms. Im obersten Stockwerk findet sich ein großer Plüschkatzenbus aus „Mein Nachbar Totoro“, auf dem eine Schar kleiner Kinder herumtobte. Ich wäre auch gerne darauf herumgehüpft, aber zum einen dürfen es Erwachsene nicht und außerdem hätte ich den Kater vermutlich gesprengt.



Bevor wir die Rückfahrt antraten, ließen wir noch eine Menge Euros im Souveniergeschäft. Es war darin so voll, dass S. versehentlich ein kleines Mädchen mit ihrem Knie aufgabelte und durch den Raum warf. Durch den Schreck konnte es nur schwer die Tränen zurückhalten, ihre Mutter aber entschuldigte sich mit tiefen Verbeugungen bei S.

Am Ausgang rief S. mich zurück, da ihr einige Werbeblättchen ins Auge gefallen waren. Eine dort stehende Mitarbeiterin kam sogleich auf uns zu und sagte in radebrechendem Englisch: „New movie ... this summer ...“ Viel mehr fiel ihr nicht ein, also fragte sie, woher wir seien. Auf unser „Doitsu“ folgte ein lautes und bewunderndes „OH! AAH! OOH!!“

Um etwas Zeit zu sparen, fuhren wir vom Museum aus mit dem Bus zum Bahnhof zurück. Beim Einsteigen verursachten wir einen Stau, da uns, wie wir erst beim Bezahlen bemerkten, das Kleingeld ausgegangen war und der Fahrer nicht verstand, worin unser Problem lag. Er winkte uns durch und nahm uns kostenlos mit. Ich hoffe, wir haben uns — und ihn — durch unser fahrlässiges Verhalten nicht in Schande gebracht.

Wir erkundeten noch ein wenig die Umgebung des Bahnhofs und setzten uns in ein Lokal. Wir zeigten der Kellnerin anhand der Bildchen auf der Speisekarte, was wir bestellen wollten, ohne zu wissen, was es eigentlich war. Ich bekam eine Art Frikadelle auf Soße und Reis. Was S. dagegen bekam, lässt sich nicht erklären. In der Schüssel befand sich unter anderem Yakitori, also gebratenes Hühnchen. In der Suppe allerdings schwammen weiße Streifen und wir wissen bis heute nicht, um was oder um welches Tier es sich gehandelt hat. Anschließend kauften wir an einem Straßengeschäft noch Sushi und Reisbällchen für später. Beides war ausgesprochen lecker und günstig, aber es war leider auch das einzige Mal, dass wir einen solchen Stand während unserer Reise sahen.



Zurück in Tokio brachten wir zunächst unsere Einkäufe ins Hotel. Wir wollten noch einmal nach Ginza, tranken vorher aber noch Kaffee in einer der U-Bahn-Stationen. Am Ausgang der Station setzte ich gerade zum Überqueren der Hauptstraße an, als ich von S. zurückgehalten wurde, denn im Park hinter uns fand gerade das Hibiya-Oktoberfest statt. Die Gelegenheit schien also gekommen, endlich mit Japanern gemeinsam zu trinken. Einen Strich durch die Rechnung machten uns allerdings die gesalzenen Preise, denn wer ist schon bereit, für einen Liter Paulaner 20 Euro zu bezahlen? Wir streiften mehrmals über das Festgelände, das mit deutschen Buden und Zelten ausgestattet war, und eine bayerische Blaskapelle gab es auch.



Von Hibiya aus lässt es sich ohne weiteres nach Ginza laufen. Dort kannten wir uns vom Vortag bereits bestens aus. Wir warfen einen Blick bei „Bic Camera“ (sic) hinein, einem riesigen Elektronikgeschäft mit sagenhafter Fotoabteilung. Um die Fernseher hatte sich eine Traube Männer gebildet, da gerade ein Freundschaftsspiel zwischen Japan und Südkorea lief; Japan lag 0:1 zurück.



Wir machten noch einen Abstecher ins Tokyo International Forum, einen modernen Glas- und Stahlbau mit für japanische Verhältnisse enormer Grundfläche. Ursprünglich befand sich an dieser Stelle die Regierung der Präfektur Tokio, bevor sie den Neubau in Shinjuku bezog. Über die hauseigene U-Bahn-Haltestelle fuhren wir zurück nach Hanzomon, kauften Bier und schlenderten dann zurück zum Hotel, wo wir uns die letzten Minuten des Fußballspiels ansahen. Südkorea gewann durch einen Elfmeter kurz vor Abpfiff mit 2:0.