Eine Woche in Tokio
Reisebericht
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Dienstag, 25. Mai 2010
Jeder Japaner soll einmal in seinem Leben den Fuji besteigen, um ein echter Japaner zu sein. Uns hätte es bereits ausgereicht, nur einen Blick auf ihn zu werfen, da er uns bisher verborgen geblieben war. Der Regen hatte über Nacht aufgehört und der neue Tag begann mit Sonnenschein. Obwohl es erneut diesig war und man nur einige Kilometer weit blicken konnte, fuhren wir zum Bahnhof Shinjuku, um von dort aus nach Westen aufzubrechen. Unser Ziel war der Hakone-Nationalpark, von dem aus man bei gutem Wetter den Fuji sehen soll.
Wir fuhren zunächst mit einer Express-S-Bahn nach Odawara, wo wir auf dem Bahnsteig einen Fahrkartenautomaten suchten. Dabei sprach uns ein Mitarbeiter der Bahngesellschaft an, der, wie wohl beinahe jeder Japaner, im Grunde kein Englisch sprach. Mit Händen und Füßen erklärte er uns, worauf er im nachhinein sichtlich stolz war, dass wir weiterfahren und die Fahrkarten für die Hakone-Tozan-Linie und die Gondel auch ganz zum Schluss kaufen könnten. Wir stiegen in eine weitere S-Bahn um, die nach etwa 15 Minuten den Bahnhof Hakone-Yumoto erreichte. Von dort aus ging es mit der Hakone-Tozan-Linie gemächlich einen Berg hinauf. Ich hätte nicht gedacht, dass ein so steiles Gefälle auch ohne Seilband oder Zahnrad befahren werden kann. Oben an der Endstation Gora angekommen, waren wir immer noch nicht am Ziel. Nun mussten wir mit einer Seilbahn weiterfahren, um endlich in die Gondelbahn einzusteigen, die uns nach Togendai brachte.

Mit einer Gondel ging es weiter den Berg hinauf und über ein Schwefelbergwerk, über dem es nach faulen Eiern stank. In unserer Kabine saß eine junge französische Frau, die die Aufschrift „Nicht aus dem Fenster lehnen“ laut vorlas und dann ihren Freund fragte: „C'est allemand?“ — „Non, c'est suisse“, mischte sich ihr Nachbar ein. An der nächsten Station mussten wir noch einmal in eine andere Gondel umsteigen, die uns den Berg auf der anderen Seite wieder herab und an den Ashi-See brachte. Unsere Befürchtungen bewahrheiteten sich, denn vom Fuji war im diesigen Nebelschleier weit und breit nichts zu sehen.

Am Ashi-See verbrachten wir, wenn überhaupt, nur zehn Minuten. Auf eine Tour mit einem der motorisierten Segelschiffe hatten wir keine Lust, also fuhren wir wieder zurück. Insgesamt sechs Stunden Fahrt für die Katz? In diesem Fall war wohl eher der Weg das Ziel.

Im Gegensatz zur Hinfahrt stiegen wir in Hakone-Yumoto in einen Expresszug nach Shinjuku. Eigentlich wollten wir den berühmten „Romancecar“ nehmen, was wir dem Angestellten auf dem Bahnsteig gegenüber auch geäußert hatten, aber er schickte uns in einen anderen Zug. Es ist in Japan immer eine Wohltat, mit der Bahn zu reisen. Die Züge sind bequem, sauber und pünktlich und das Personal ist immer so höflich, dass man zurück in Deutschland erst recht weiß, wie es besser ginge. Eine junge Dame, die einen Getränkewagen durch den Zug schob, fragte still und höflich, ob jemand etwas kaufen wollte, und drehte sich um, wenn sie am Ende des Waggons angelangt war, und verbeugte sich, ehe sie weiterging.
Von Shinjuku aus führte uns der Hunger zum „Yakitori-Alley“, irgendwo zwischen Hibiya und Ginza. Leider hatten die meisten Stände auf lateinische Schrift oder auf Bildchen verzichtet, so dass wir gar nicht gewusst hätten, was wir bestellen. Wir blieben in einem kleinen Lokal hängen, in dem man einen bestimmten Geldbetrag in einen Automaten wirft, eine Taste mit dem gewünschten Gericht drückt und den Zettel, den man dann ausgedruckt bekommt, dem Kellner übergibt. Wir aßen eine Art Schupfnudeln, die aber, wie ich beim Blick über den Tresen sehen konnte, aus einer Plastikverpackung stammten. Letztlich war das Zeug aber nicht schlecht und ich danach erst so richtig hungrig. Im nächsten Lokal, das wir betraten, wurden wir sogleich wieder herausgebeten, da der Inhaber kein Englisch sprach. Ein koreanisches Restaurant war bereits voll und man vertröstete uns auf die nächste Stunde. So lange wollten wir nicht warten. Wir setzten uns in ein gemütliches japanisches Restaurant, in dem alle Zweierplätze in einer Art kleinen Kammer eingerichtet waren. Hin und wieder hörte und spürte man Züge über uns hinwegdonnern, denn das Restaurant befand sich direkt unter den Schienen. Ich aß Sushi und gebackenen Reis und S. versuchte sich an Shabu-Shabu. Den kleinen Gaskocher muss man dabei selbst betätigen. Bis zum Schluss, als ihr die Nudeln mit üblem Gestank abrauchten, gelang es ihr soweit ganz gut.

Da wir ohnehin gerade in Ginza waren, schauten wir noch einmal bei „Bic Camera“ vorbei. Das Ende meines Speicherplatzes in der Kamera war absehbar und S. wollte sich nach Mitbringseln umsehen. Speicherkarten waren aber mehr als dreimal so teuer wie in Deutschland, also begnügte ich mich damit, die Kameras und Objektive anzugrabschen.

Am Eingang der U-Bahn-Haltestelle fanden wir zufällig einen kostenlosen W-LAN-Spot. Nach einigen eilig verfassten E-Mails waren wir bereits wieder im Hotel. Ich schmunzelte beim Lesen meiner Lektüre, in dem die Protagonistin zufällig auch beschrieb, wie sie nach Hakone fuhr.
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