Eine Woche in Tokio

Reisebericht
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Donnerstag, 27. Mai 2010

Der neue Tag begrüßte uns mit Sonnenschein. Nachdem wir unsere Postkarten bei der nächstbesten Postfiliale abgegeben und uns mit Kaffee versorgt hatten, fuhren wir zum nicht weit entfernten Yasukuni-Schrein, wo Japan seinen gefallenen Soldaten der vergangenen Kriege gedenkt. Der Schrein ist kontrovers, da auch Kriegsverbrecher wie die Mitglieder der Einheit 731 geehrt werden, die durch grausame Experimente an chinesischen Kriegsgefangenen und Zivilisten bekannt wurde.

Am Eingang stand eine Gruppe junger Japaner, von denen einer besonders schick gekleidet war und eine japanische Flagge trug. Damit stellte er sich vor den Schrein, sang zunächst inbrünstig die Nationalhymne und betete anschließend in strammer Haltung. Ich versuchte, mit einem Wärter ins Gespräch zu kommen, der aber umgehend abwinkte: „No English!“ Ich zeigte auf mich und sagte: „No English. Doitsu.“ Wie schon einige Tage zuvor erntete ich anerkennendes „Ah!“ und „Oh! Doitsu!“, diesmal schickte der Mann aber noch einige Sätze hinterher, die ich natürlich nicht verstand.





Auf dem Schreingelände befindet sich ein Museum, das die Kriege beleuchtet, in denen die Japaner in den vergangenen Jahrhunderten verwickelt waren. Von den beeindruckenden Ausstellungsstücken abgesehen, zu denen auch der größte Torpedo der Welt gehört, ist die japanische Sicht auf die Geschichte in diesem Museum etwas eigenwillig. Das Massaker von Nanking wird lediglich mit einer kurzen Texttafel erwähnt und als „Incident“, also als Zwischenfall bezeichnet. Man stelle sich vor, im größten deutschen Kriegsmuseum würde man auf einer kleinen fünfzeiligen Texttafel den Holocaust als Zwischenfall betiteln. Ihren Helden widmen die Japaner dafür ganze Räume und Wände.



Von akuten Bauchschmerzen geplagt, eilte ich zurück ins Hotel, wo ich die nächste halbe Stunde auf dem Bett lag. Man sollte auf Reisen nie mehr als einen halben Liter starken Kaffee innerhalb kurzer Zeit trinken. S. stöberte derweil in einem Buchladen um die Ecke, ehe wir zur Tokioter Börse fuhren. Vorher gingen wir aber noch etwas essen, wobei ich nicht weiß, was es war; wahrscheinlich Suppe mit frittiertem Hühnchen oder so.

Vor rund zehn Jahren ist der Parketthandel durch elektronischen Wertpapierhandel ersetzt worden und seitdem dient das Gebäude als Museum. Nach einer Sicherheitskontrolle ging es durch das Gebäude. Besonders gut gefiel mir die interaktive Übersicht über die wesentlichen Ereignisse der japanischen Börsengeschichte, wobei der geplatzten Bubble-Economy Ende der 80er Jahre, von der sich Japan nie gänzlich erholt hat, am meisten Platz eingeräumt wurde.



Einem ausgedehnten Spaziergang folgte der Besuch eines japanischen Gartens. Als wir uns einem Teich näherten, kam als erstes eine kleine Schildkröte auf uns zu, die offenbar etwas zu fressen erwartete. Sie wurde verscheucht, als ein dicker Koi sie rammte, der wiederum von einer Ente vertrieben wurde, die ihm mit ihrem Schnabel auf den Kopf hackte. Leider hatten wir aber für niemanden der Anwesenden Futter.





Es war nun spät genug, um nach Odaiba zu fahren, einer künstlichen Insel in der Bucht von Tokio, von der wir uns einen hübschen Ausblick in der Dämmerung erhofften. Mit der Yurikamome, einer vollautomatischen Magnetschwebebahn, ging es über die Bucht.



Während die Sonne hinter den Hochhäusern verschwand und wir auf einer Bank saßen, bauten neben uns junge Männer mit teils beachtlichen Ausrüstungen ihre Stative auf. Wenn Japaner fotografieren, dann richtig. Odaiba gilt als Einkaufsparadies. Wir schlenderten durch einen Toys'R'Us und aßen dann eine Kleinigkeit. Von einer Zoohandlung mit allerlei kleinen Tieren konnte sich S. kaum losreißen, erst recht nicht, als sie die Katzenbabys sah.

Die Sonne war mittlerweile untergegangen und wir spazierten auf der Suche nach passenden Steinen für Langzeitbelichtungen das Ufer entlang. Als ich gerade dabei war, die Kamera auf meine Tasche zu stellen und sie gerade zu rücken, widerfuhr mir ein dämliches Malheur: ich hatte den Objektivdeckel neben die Tasche gelegt und, ohne es zu bemerken, mit dem Knie verschoben. Das klirrende Geräusch, wie er in einer Felsspalte verschwand, werde ich wohl nie vergessen. Während ich verzweifelt in den Ritzen nach dem Deckel suchte, schrak S. plötzlich auf, weil mir irgendein ziemlich großes Insekt über die Schulter kroch. Trübselig verließen wir das Ufer und fuhren zurück, das Objektiv notdürftig in Taschentücher eingewickelt.





S. konnte mich nicht aufmuntern und schlug vor, es bei „Bic Camera“ zu versuchen, das ohnehin auf dem Weg lag. Als ich einem Verkäufer das eingewickelte Objektiv und einen Deckel zeigte, erkannte er, worum es mir ging, und brachte mich zu einer Auswahl von Deckeln. Da Canon selbst für Streulichtblenden, die in der Herstellung nicht mehr als ein paar Cent kosten dürften, oft mehr als 20 Euro verlangt, befürchtete ich das Schlimmste. Für unerwartete drei Euro war mein Abend gerettet. Wir ließen ihn im Hotel gemütlich ausklingen mit Deutschunterricht im Fernsehen, Bier und Pocky — Stick to fun!