New York und Miami
Reisebericht
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Samstag, 5. September 2009
An unserem zweiten Morgen schliefen wir aus und standen erst kurz vor acht Uhr auf. Unserem gewohnten Bagel-Frühstück nebenan folgte ein Marsch zum Rockefeller Center, von wo aus wir weiter nach Norden aufbrechen wollten. Die untere Ebene des Rockefeller Plazas, wo bei unserem letzten Besuch gerade das berühmte Schlittschuhfeld aufgebaut wurde, war zum Café umfunktioniert worden. Bei solch schönem Wetter ist das natürlich das Naheliegenste.
S. kam nicht umhin, in einer Nintendo-Filiale nach einem Mitbringsel für ihr Zuhause zu stöbern; J. und ich amüsierten uns derweil über die Fan-Artikel wie T-Shirts und Mützen. Recht liebevoll aufgebaut waren Ahnengalerien des Game Boys und des NES und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Made in the Eighties“ hätte ich mir beinahe gekauft.



Nahe der St. Patrick's Cathedral kamen wir auf unserem Weg zur U-Bahn zufällig am MoMA vorbei, das wir ohnehin die nächsten Tage besuchen wollten. Die Schlange war uns aber zu lang und wir marschierten weiter und fuhren nach Norden, wo die Columbia University auf uns wartete.

Am Ausgang der Haltestelle wurden wir umgehend von einer aufdringlichen Afroamerikanerin angesprochen, die um Geld bettelte: „You got a buck for me?“ — „No.“ — „Well, how much do you got?“ Ich studierte gerade den Stadtplan und bemerkte nicht, wie sie sich an mich wandte, nachdem sie nacheinander bei S. und J. abgeblitzt war. Meine Abwesenheit gefiel ihr nicht: „Hey! I asked you something!!“ Schlimm.
Die Universität lag westlich von uns hinter dem Morningside Park. Durch die Hitze waren wir etwas ausgelaugt und setzten uns für ein Weilchen auf eine Bank oberhalb des Parks. Wir hörten Grillen zirpen, die mit unseren nicht zu vergleichen sind, da sie viel lauter und mit mehr Durchhaltevermögen auf sich aufmerksam machen; im Grunde klingen sie wie Stromtransformatoren. Am Straßenrand entdeckten wir immer wieder Wohnungsgesuche und -angebote, also etwas, das ich auch von meinem Campus her noch kenne, nur mit gänzlich anderen Preisvorstellungen. Unbegehrt scheinen sie anhand der vielen abgerissenen Telefonnummern trotzdem nicht zu sein. Die Riverside Church, an der es kurze Zeit später vorbei ging, grenzt das Unigelände wie ein gewaltiger Grenzpfahl nach Nordwesten hin ab.

Die Uni bietet einige prachtvolle Bildungstempel, deren architektonische Qualität man in Deutschland heutzutage leider oft vergeblich sucht. Neidvoll schaute ich den Volleyballspielerinnen auf der grünen Wiese zu und dachte dabei an meine ehemalige Plattenbaufakultät an einer vierspurigen Hauptstraße. Obwohl die Uni nahe Harlem liegt, bekommt man kaum Afroamerikaner zu sehen; die hohen Studiengebühren dürften ihren Teil dazu beitragen, dass sich insbesondere Kinder begüteter Familien ein Studium hier leisten können. Immerhin 72 Nobelpreisträger hat die Uni hervorgebracht und auch sonst viele berühmte Persönlichkeiten ausgebildet, Barack Obama zum Beispiel, aber auch berüchtigte wie Radovan Karadžic. Eine Jurafakultät gibt es hier natürlich auch.

Wir fuhren nun wieder nach Süden, genauer gesagt an das südliche Ende des Central Parks. Die U-Bahn war gerappelt voll mit Studenten. Nach unserer Ankunft gingen wir am Trump Tower vorbei, deckten uns erneut mit Poland Spring ein und setzten uns wieder für einen Moment auf eine Bank und betrachteten die Fahrradfahrer und vielen Läufer — meistens mit nacktem Oberkörper unterwegs und dies auch dann, wenn es unvorteilhaft aussah.
Bis 17.45 Uhr, also bis zum kostenlosen Eintritt ins Guggenheim-Museum, war es noch etwas Zeit. Zunächst tranken wir Frappuccinos bei Starbucks, was bei der Hitze denkbar angenehmer war als beim letzten Besuch in New York, als ich nicht wusste, um was für ein Getränk es sich handelt und es blindlings bestellte, obwohl es draußen fror. Eine Busrundfahrt ließen wir ausfallen, da der Verkäufer 44 Dollar dafür haben wollte — zuviel für etwas, was man auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigen kann.
Die weiteren zwei Stunden verbrachten wir im Central Park, wo wir zuerst spazieren gingen und dann dem Treiben auf den großen Wiesen zusahen. Etwas überrascht waren wir, eine sehr schlanke, sportliche und gutaussehende blonde Frau in Begleitung eines nicht gerade schönen, stark übergewichtigen, geradezu gewaltigen Mannes zu sehen, der sich nach einiger Zeit als ihr Geliebter entpuppte. Entweder ist er vermögend oder es sind doch die inneren Werte, die zählen. Als er nach einem Päuschen wenige Meter zurückgelegt hatte, bückte er sich um einige Zentimeter und deutete eine Dehnung am, fing dann aber wie eine Dampflok an zu schnaufen. Seine feengleiche Freundin musste ihn daraufhin erst einmal streicheln und beruhigen, damit er nicht zusammenbrach.
Deutsche und Österreicher fielen uns auch hier überall auf, während wir im Schatten saßen. Dass wir ein reisefreudiges Völkchen sind, ist also kein Klischee. Eine Gruppe Männer spielte lautstark Baseball, wobei ihr Gebrüll auffälliger war als das an sich gemäßigte Spiel.

Bevor wir uns in die Warteschlange vor dem Guggenheim-Museum stellten, gingen wir noch etwas essen. J. und ich aßen gewöhnungsbedürftige Hamburger und S. etwas, das „Philly beef steak“ genannt wird und aussah wie fettiges Dönerfleisch in ein ebenso fettes Baguette gewickelt und wohl auch so schmeckte. Auf dem Weg sah ich ein Plakat der jährlichen Steuben-Parade, die von Deutschamerikanern zum Andenken an ihre Herkunft abgehalten wird.
Die Schlange vor dem Museum ging bis um den Block herum und wir befürchteten das Schlimmste, standen aber nur wenige Minuten an. Eine Gruppe Mädchen hinter uns machte sich zu ihrer — und zu J.s und meiner — Unterhaltung einen Spaß daraus, sich gegenseitig an die Oberweite zu fassen. Da wir so viel bezahlen durften, wie wir wollten, gaben wir dem Kassenwart zehn Dollar für uns. Leider war das Fotografieren bis auf einen kleinen Fleck im Erdgeschoss verboten. Enttäuschend waren auch die Absperrungen, die durch laufende Renovierungsarbeiten aufgestellt worden waren. Zu sehen bekamen wir nur die unteren beiden Stockwerke, also nur einen Bruchteil der ansonsten ausgestellten Kunst. Was wir zu sehen bekamen, war dafür äußerst erlesen: Erinnern kann ich mich an Cézanne, Picasso, van Gogh, Rousseau, Marc, Pissarro und Kandinsky, der für einige Jahre in München lebte und dem eigentlich eine Sonderausstellung im Guggenheim gewidmet ist.
Auf dem Rückweg zum Hostel deckten wir uns mit Wasser und Bier ein und nahmen die U-Bahn zur Grand Central Station und von dort aus die Shuttle-U-Bahn zum Times Square. Im Hostel begegneten wir unserem Mitbewohner, mit dem wir uns länger unterhielten und Tipps austauschten.
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