New York und Miami

Reisebericht
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Montag, 7. September 2009



Nach unserem Frühstück machten wir uns auf zur Post, um unsere Karten abzugeben. Wegen des Feiertags Labor Day, dem amerikanischen Tag der Arbeit am ersten Montag im September, hatte jedoch nur die Hauptpost an der Penn Station geöffnet. Wir waren einigermaßen ratlos im Umgang mit den Automaten und menschliches Personal war an diesem Tag leider nicht vor Ort. Unverrichteter Dinge mussten wir abziehen und die Postabgabe auf Miami verschieben.

Unser nächstes Ziel war das MoMA, in das J. und ich bei unserem letzten Besuch nicht von S. begleitet wurden. Die unteren Stockwerke mit bestenfalls mittelmäßigen Skulpturen, Performance-Videos und anderem Schrott fürs Bildungsproletariat erledigten wir im Schnelldurchlauf. Ausgestellt waren außerdem architektonische Bauhaus-Entwürfe. Während ich die Möbel der klassischen Moderne sehr schätze, halte ich die schnörkellose Architektur mit wenigen Ausnahmen für kalt und abweisend. Spannender war eine Fotoausstellung mit Bildern, die zum Teil bis in die 1850er-Jahre zurückreichten. Meine vergleichsweise jämmerlichen Fotos dürften dagegen nicht mal als Schnappschüsse durchgehen.

Ganz ausgezeichnet waren wie erwartet die oberen Stockwerke, in denen wir das letzte Mal die meiste Zeit verbracht hatten und auch dieses Mal lange verweilten. Ein Raum mit Gaugin, van Gogh, Picasso, Cézanne, Rousseau, Munch und Chagall tritt besonders hervor. Für J., der eigentlich in das Metropolitan Museum gehen wollte, lohnte sich auch das oberste Stockwerk, wo eine Sonderausstellung über James Ensor untergebracht war. Ich kannte bisher nur eins seiner Maskenbilder, freilich ohne es ihm zuordnen zu können, fand aber auch an seinen anderen ausgestellten Werken, neben Ölgemälden auch Zeichnungen und Karikaturen, großen Gefallen.









Nach den Stunden im MoMA kündigte sich bei uns allen der Hunger an. Wir fuhren nach Süden und stiegen am Flatiron Building aus, wo wir Hamburger futterten. Auf dem Weg zur U-Bahn-Haltestelle liefen wir anschließend an einem Fotografen und seinem Model vorbei, das gerade fleißig am Posieren war. Eigentlich hätte ich schnell ein paar Fotos von ihr schießen und später verkaufen sollen.

Weiter südlich besuchten wir den Washington Square Park und die New York University, die größte private Uni der USA. In einer Nebenstraße gibt es sogar ein „Deutsches Haus“ sowie ein „maison française“.



Im Park setzten wir uns zunächst auf eine Bank neben einer weiteren, auf der ein Obdachloser schlief, und betrachteten die vielen Grauhörnchen beim Nüssesammeln. Mit einem Objektiv mit 50 mm Brennweite einen halben Meter an die Tiere heranzukommen, gestaltet sich übrigens alles andere als einfach. Als wir weitergingen, weckten Parkwächter hinter uns den Obdachlosen und wir erkannten ihn als den Kerl, der am vergangenen Tag vor der McDonald's-Toilette so penetrant um Geld gebeten hatte.



Zwischen vielen Musikern, Studenten und Pärchen saß am Ausgang des Parks ein Mann, der Tauben fütterte und gänzlich von ihnen umringt war. Ein kleines Mädchen mit ihrem Vater im Schlepptau setzte sich zu ihm und ließ sich von ihm Futter geben, das sie an die Tiere verteilte. Als ihr Vater eine Taube gegriffen hatte, umdrehte und sie ihr in die Hand geben wollte, drückte sie mit ihren Fingern nur einmal sanft auf den Bauch des Vogels und schüttelte dann etwas angewidert ablehnend mit dem Kopf.



Auf dem Weg zur U-Bahn-Station machten wir kurz Halt, um einigen Basketballern beim Spielen zuzuschauen; einer schien den Korb nach Belieben von der Dreipunktelinie aus zu treffen.

In unserer Herberge trafen wir wie gewohnt auf unseren Mitbewohner, der gerade einen riesigen Hamburger verputzt hatte und danach nach eigener Aussage nur noch mit Müh und Not in die U-Bahn kullern konnte. Während er sich auf dem Bett hin und her wälzte, beklagte er sein bitteres Los, sich nicht durch so viele Burger-Buden futtern zu können, wie er es sich vorgenommen hatte. Entweder sei man zu voll, weil man gerade etwas gegessen hatte, oder man habe vom vielen Laufen keinen Appetit. Während er sich ausruhte, marschierten wir zwecks Biersuche wieder in Richtung Times Square. An der Kreuzung zu unserer 45sten Straße stand jemand als Muppet-Figur verkleidet, der den Passanten zuwinkte. Ein kleiner Junge erschrak sich fürchterlich, als er ihn erblickte: „Mummy, mummy, I'm scared!“ — Gibt es einen Beruf, der demütigender ist?



Auf dem Times Square wurde S. von einem jungen Kerl angesprochen, der für Comedy Central warb: „M'am, do you like stand-up comedy?“ — „No.“ — „Aaww.“ In einem Geschäft, das man bei uns mit einer Schlecker-Filiale vergleichen könnte, wurden wir auf unserer Biersuche endlich fündig und deckten uns mit einem Dutzend Budweiser ein. Unserem Mitbewohner ging es derweil wieder besser und er konnte mit uns anstoßen.



Als nächstes auf dem Programm stand ein Spaziergang zum Hudson River, wo man am Ende der 45. Straße einen Flugzeugträger zum Museum umgestaltet hat. Zwar würden wir ihn nicht mehr betreten können, da er zu dieser fortgeschrittenen Stunde bereits geschlossen war, aber einen Blick darauf wollten wir uns nicht entgehen lassen. Auf dem Weg dorthin gerieten wir in ein Kneipenviertel, in dem eine brasilianische Bar gerade Happy Hour hatte und ihre Cocktails für nur vier Dollar anbot. Kam man da widerstehen? Der Wirt war ein junger und charmanter Brasilianer, den ich zunächst für einen Amerikaner gehalten hatte. Wir sprachen über Fußball und das deutsch-brasilianische WM-Duell im Jahre 2002 und natürlich über das Oktoberfest, das er unbedingt einmal besuchen möchte. In New York lebt er gerne, findet es aber zu teuer; kommendes Jahr soll es zurück nach Rio gehen.

Nach Caipirinhas und Margaritas, die er für uns herrlich kräftig mischte — „I hope you guys are tough drinkers!“ —, bekam S. noch einen brasilianischen Rotwein aufs Haus. Unser Geiz nötigte uns zu dem größten Fehler unserer Reise, als wir die Bar verließen, obwohl der Wirt die Happy Hour für uns sogar verlängert hätte. Ziemlich angeheitert torkelten wir zum Hudson River. Neben dem ausgemusterten Flugzeugträger lag ein weiteres großes Schiff im Hafen und wir nutzten eine Treppenmauer für unsere Fotos.



In der Herberge trafen wir auf unseren gerade aufbrechenden Mitbewohner, der ein Konzert der Blue Man Group besuchen wollte. Wir tranken noch einige Bier und ließen unseren letzten Abend in New York ausklingen.