New York und Miami
Reisebericht
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Dienstag, 8. September 2009
Am Dienstagmorgen forderte der Alkohol seinen Tribut und S. hütete mit Kopfschmerzen das Bett. Ich blieb bei ihr, während J. eilig noch eine Fahrt mit der Seilbahn über den East River machte. Unser Mitbewohner gab S. zwei Aspirin aus einem Fläschchen mit 500 (!) Tabletten, das er am Times Square gekauft hatte.
Die Dame an der Rezeption gab uns Ratschläge, wie wir am besten zum Newark Liberty Airport gelängen. Eine Zugfahrt von der Penn Station aus käme für sie nicht in Frage, weil sie Angst hätte, irgendwo in New Jersey zu verschwinden, wo es, so glaubt sie, keine Taxis gibt. „You guys don't like New Jersey, do you?“, fragte ich. „Well, it's just like between Germany and Austria.“ Wir nahmen also auf ihr Anraten hin den Bus an der Port Authority Station an der 42. Straße zwischen der 7. und 8. Avenue. Bis wir ihn gefunden hatten, verging jedoch eine gute halbe Stunde. Am Flughafen stiegen wir versehentlich am falschen Terminal aus und mussten mit dem Airtrain zurückfahren.
Während wir auf das Boarding warteten, kaufte sich S. einen Donut von Dunkin' Donuts, der so süß war, dass ich nach einem Probierhappen für einen Moment nur noch schwarzweiß sehen konnte. Nachdem man uns drei sorgfältig über die gesamte Boeing 757 der American Airlines verteilt hatte, genossen wir die Aussicht auf die Ostküste der USA. Den Bordfilm mit Sandra Bullock und Ryan Reynolds — Scarlett Johanssons Angeheirateter — ließ ich aus, da ich ihn mir für den Rückflug nach Europa aufsparen wollte. Abgesehen davon hätte ich von meinem Platz aus ohnehin nur den halben Fernseher gesehen.
Touchdown um 17.00 Uhr. Im kühlen Warteraum der Busgesellschaft ließ es sich aushalten, bis wir mit der J-Linie endlich nach Miami Beach aufbrechen konnten. Die Fahrt zog sich knapp eineinhalb Stunden hin, aber zu unserem Glück war der Bus klimatisiert, denn anders hätte man es darin unmöglich ertragen. Miami wirkte völlig verarmt und verkommen, an manchen Ecken dachte ich dafür unweigerlich an den einen oder anderen Film mit Bud Spencer und Terence Hill, die häufig in Florida gedreht hatten.
In Miami Beach ging es weiter mit der Buslinie S nach Süden. Unser Miami Beach International Traveller's Hostel lag nur wenige Schritte von der Haltestelle entfernt. Der Rezeptionist fragte uns nach unserer Herkunft, da er es liebt, Menschen danach einzuschätzen. Deutsche schätzt er, da sie, so sagte er, freundlich und unkompliziert seien. Italiener seien im ersten Moment ruhig, explodierten aber unweigerlich wie ein Vulkan, wenn das Gespräch fortschreite. Franzosen dagegen mag er gar nicht. Er erzählte uns die Anekdote über ein französisches Pärchen, das schon auf den ersten Blick danach aussah, als würde es Ärger machen. Nachdem er ihnen ihr Zimmer gezeigt hatte, kam die Frau nach kurzer Zeit zurück zur Rezeption und meckerte mit französischem Akzent, den er nachspielte: „I am really disappointed!“ — „Is it maybe because you're French?“
Unser Zimmer lag einige Blöcke von der Herberge entfernt, war aber durch ein Badezimmer und eine Küche im Grunde eine eigene Ferienwohnung. Als erstes mussten wir die Klimaanlage einschalten, da sich die Wohnung durch die tropische Hitze wie ein Backofen aufgeheizt hatte.
Zunächst hatten wir nun geplant, an der Westküste von Miami Beach einen Blick auf das nächtliche Miami zu werfen. Dies wurde aber durch die Privatgrundstücke am Strand vereitelt, die keinen Durchgang erlauben. Während wir zurück nach Osten gingen, fing es immer wieder kurzzeitig wie aus Kübeln an zu regnen. J. musste wegen Bauchschmerzen zurück in unsere Wohnung und S. und ich warteten so lange unter einem Baum. S. machte schließlich eine herumstreunende Katzenfamilie aus, mit der sie sich beschäftigte, bis J. wieder auftauchte.
Den restliche Abend verbrachten wir mit der Suche nach etwas zu essen. S. und ich gönnten uns Pizza und J. kaufte sich Brötchen. Während ich auf meine Pizza wartete, stellte sich ein schräger Typ in den Eingang und brüllte mich an: „I love you! God bless you!“ Er klang wie jemand, der 20 Jahre lang unaufhörlich geraucht, gesoffen und geschrien hat. Der Pizzaverkäufer brummte ihn an: „Get lost.“ J. berichtete uns später, der Mann sei auch bei ihm gewesen und hätte dieselben Phrasen von sich gegeben. Seine Brötchenverkäuferin sagte dazu: „Yeah, welcome to Miami.“ Der Mann verschwand auf die andere Straßenseite und schrie mit auseinander gerissenen Armen und sägender Stimme „I LOVE YOU!!! GOD BLESS YOU!!!“
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